Spaghetti in den Graben legen: Wenn neun Maschinen für 190 Meter Rohr im Gleichtakt tanzen

Wer Jens Müller nach diesem Einsatz fragt, bekommt keine trockenen Daten, sondern die ganze Geschichte: über sechs Krane, drei Bagger, 190 Meter Rohr – und darüber, warum dieses Projekt ganz offensichtlich „seins“ war.
Foto: Felbermayr


60 Tonnen Gesamtgewicht? Das bringt im Schwerlastbereich niemanden aus dem Konzept. Ein 190 Meter langer Rohrstrang dagegen schon eher. Denn während man ein kompaktes Gewicht einfach an eine kräftige Maschine hängt, verwandelt sich ein fast 200 Meter langes Stahlrohr in der Praxis eher in eine riesige, leicht durchhängende Spaghetti.

Als die Felbermayr Deutschland GmbH im brandenburgischen Möglenz gemeinsam mit dem Auftraggeber RAKW den Anlauf nahm, diesen Koloss zu versetzen, ging es deshalb nicht um schiere Kraft im Oberwagen. Es ging um Zentimeter, Physik, Disziplin am Funkgerät – und um die Frage, wie man neun tonnenschwere Maschinen so dirigiert, dass das Ensemble nicht aus dem Takt gerät.

Wer wissen will, wie viel Herzblut in so einem Einsatz steckt, muss Jens Müller nur eine Frage dazu stellen. Er ist im Technischen Außendienst Kran/Bühne/Einbringung bei Felbermayr in Schwarzheide tätig und saß selbst zwölf Jahre als Kranfahrer auf der Maschine. Als die Anfrage der Firma RAKW hereinkam, gab es für ihn ohnehin nur eine Option: „Diesen Kuchen lasse ich mir nicht entgehen.“

Die Formel: Sechs Krane, drei Bagger und null Eigenleben

Eigentlich standen auf meinem Notizblock nur ein paar typische Branchenfragen. Wie verteilt man 60 Tonnen auf eine Kolonne? Wie hält man das Ganze unter Kontrolle?

Jens Müller, der aus eigener Erfahrung genau weiß, wie die Maschinen reagieren, winkte nicht mit ein paar trockenen Kennzahlen ab. Er nahm sich die Zeit für einen tiefen Blick in seine Erfahrungs-Trickkiste. Und da zeigte sich schnell: Die eigentliche Kunst bestand darin, die unterschiedlichen Systeme unter einen Hut – beziehungsweise an ein Rohr – zu bekommen.

Für die Planung waren zunächst 60-Tonnen-Krane berechnet worden. Tatsächlich kamen schließlich verschiedene LTM aus mehreren Felbermayr-Niederlassungen zum Einsatz. Bei knapp zehn Metern Ausladung und rund zehn Tonnen Lastanteil pro Kran war die Sache rechnerisch fast Entspannung pur: alles im tiefgrünen Bereich.

Um die Krankosten für den Kunden im Rahmen zu halten, brachte RAKW drei eigene Bagger mit ins Boot.

Macht unterm Strich: neun Geräte, neun Maschinisten – und eine gewaltige physikalische Tücke.

Die Sache mit dem Ausleger und der warmen Spaghetti

Denn Kran und Bagger bewegen sich völlig unterschiedlich. Der Bagger hat einen festen Ausleger, die Rundschlinge hängt direkt am Haken. Eine Bewegung des Baggers überträgt sich damit unmittelbar auf das Rohr. Beim Mobilkran dagegen ist der Weg vom Rollenkopf über die Hakenflasche und die Rundschlingen bis zum Rohr erheblich länger. Bis dort eine Bewegung ankommt, ist der Bagger längst einen Schritt weiter.

Müllers Lösung für dieses physikalische Durcheinander war denkbar pragmatisch: Bloß keine gleichmäßige Bewegung aller Geräte erzwingen.

Stattdessen wurde die Spaghetti-Taktik gefahren – und die stammt nicht etwa aus der Phantasie der Autorin. Jens Müller selbst beschreibt den langen, biegsamen Rohrstrang sinngemäß wie eine warme Spaghetti, die kontrolliert in einen leicht gebogenen Graben gelegt werden muss.



Begonnen wurde an der Schweißnaht mit dem ersten Bagger. Von dort aus folgten Schritt für Schritt die Anweisungen an die weiteren Einheiten, sodass sich der Strang nach und nach von der Naht weg in den Graben legen konnte. Seine enorme Länge half dabei sogar: Der Rohrstrang brachte genügend Flexibilität mit, um diese Bewegung mitzumachen.

Die Anschlagpunkte waren zuvor über die gesamte Länge entsprechend verteilt worden. Damit blieb als wichtigste Bedingung für das eigentliche Manöver vor allem eines: absolute Disziplin am Funkgerät. Eigenmächtiges Handeln war tabu.

Der „Gleichtakt“ dieses Einsatzes bedeutete also keineswegs, dass alle neun Maschinen zur gleichen Zeit die gleiche Bewegung ausführten. Im Gegenteil: Der richtige Takt bestand darin, dass jeder genau dann etwas tat, wenn er an der Reihe war.

Probehub, Bongossi und 15 Tonnen Reserve

Dass auf den Feldern bei Möglenz überhaupt etwas sicher rollen und stehen konnte, lag auch an einer sorgfältigen Vorbereitung durch RAKW. Der Untergrund war flächendeckend mit schweren Baggermatratzen aus Bongossi ausgelegt worden.

Bevor sich die 190 Meter Stahl endgültig auf den Weg machten, kam jedoch erst einmal der Probehub. Viel Spektakel war dabei nicht vorgesehen: Rund 20 Zentimeter über der Auflage reichten aus, um zu sehen, wie sich die berechnete Last tatsächlich auf die Geräte verteilte. An zwei Maschinen wurde anschließend noch korrigiert – dann passte es.

Eine zusätzliche Sicherheit steckte in den drei Baggern. Jeder von ihnen verfügte am Ablageort noch über etwa fünf Tonnen Leistungsreserve. Zusammengenommen lagen damit rund 15 Tonnen zusätzliche Reserve über der eigentlichen Gesamtlast bereit.

Die Bagger hatten aber noch eine zweite Aufgabe, und die verlangte eher Fingerspitzengefühl als Kraft. Einer arbeitete vorne an der Naht, einer in der Mitte und einer am Ende des Rohrstrangs. Mit ihnen ließ sich das Rohr millimetergenau für die Schweißer ausrichten.

Dass diese Verteilung funktionierte, war übrigens keine Erkenntnis, die erst in Möglenz gewonnen wurde. Felbermayr und RAKW hatten bereits Erfahrungen aus einem vorherigen Einsatz im brandenburgischen Reichenhain gesammelt. Dort waren 107 Meter Rohr mit einem Gewicht von rund 32 Tonnen mit drei Mobilkranen und zwei Baggern bewegt worden.

Möglenz war gewissermaßen die ausgewachsene Variante: 190 Meter, rund 60 Tonnen, sechs Krane und drei Bagger.

Schwenken musste bei diesem Einsatz keines der Geräte. Kleine Korrekturen bei der Positionierung übernahmen die Bagger.

Und dann saß da noch Müller Nummer zwei

Als wäre ein Einsatz mit neun Maschinen nicht schon aufregend genug gewesen, gab es auf einem der LTM 1060 noch eine kleine Premiere.

Dort saß Janto Müller.

Der Auszubildende bei Felbermayr lernt zunächst den Beruf des Berufskraftfahrers und möchte anschließend zum Kranfahrer ausgebildet werden. Dass er zufällig auch der Sohn des Mannes ist, der bei diesem Projekt kräftig mitgeplant hatte, macht die Geschichte allerdings ein wenig interessanter.

Janto durfte den Hub mitfahren – unter ständiger Kontrolle eines erfahrenen Kollegen und in Absprache mit dem Auftraggeber. Der Vater hatte sich also „diesen Kuchen“ nicht entgehen lassen wollen, und am Ende saß der Sohn auf einem der Krane. Das war gewissermaßen ein Vater-Sohn-Moment der etwas schwereren Art.

Wenn Planung auf Begeisterung trifft

Auf den Fotos sieht ein sauber ausgeführter Hub beinahe spielerisch aus. Sechs Krane stehen entlang des Rohrstrangs, drei Bagger unterstützen, und 190 Meter Stahl verschwinden Stück für Stück dort, wo sie hingehören.

Wer allerdings weiß, dass hinter dieser scheinbaren Ruhe neun Maschinisten, zwei völlig unterschiedliche Bewegungscharakteristika von Kran und Bagger, ein Probehub, genau verteilte Anschlagpunkte, Lastreserven und vor allem eine sehr klare Kommunikation stehen, schaut anschließend etwas anders auf dieselben Bilder.

Und dann ist da noch Jens Müller. Meine Fragen hätte er mit ein paar technischen Angaben beantworten können. Stattdessen setzte er sich hin und erklärte Zusammenhänge, Abläufe und Hintergründe so ausführlich, dass er sich am Ende seiner Mail beinahe dafür entschuldigte, so etwas in dieser Länge noch nie geschrieben zu haben. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da beantwortet jemand nicht einfach eine Presseanfrage, sondern nimmt eine Fachjournalistin gedanklich mit auf die Baustelle, erklärt ihr, warum ein Bagger schneller auf das Rohr reagiert als ein Kran, wo welches Gerät stand und weshalb 190 Meter Stahl sich irgendwann wie eine warme Spaghetti benehmen.

Genau diese Begeisterung lässt vermuten, dass Möglenz für Jens Müller nicht einfach irgendein Einsatz war.

Es war eindeutig sein Projekt.

Und wahrscheinlich behandelt er alle seine Projekte ein wenig so. Well done, Jens!

Die Quintessenz

Der Einsatz in Möglenz zeigt sehr schön, weshalb sich Schwerlast und Hebetechnik eben nicht allein über möglichst große Tonnenzahlen erzählen lassen. 60 Tonnen waren hier nicht das Problem. Die Herausforderung bestand darin, 190 Meter Rohr mit sechs Mobilkranen und drei Baggern kontrolliert zu bewegen – obwohl Kran und Bagger auf einen Steuerbefehl keineswegs gleich reagieren.

Am Ende funktionierte es nicht deshalb, weil neun möglichst starke Maschinen gleichzeitig am Rohr zogen, sondern weil neun Maschinisten wussten, wann ihre Maschine etwas tun sollte – und wann besser nicht. Technische Tabellen erklären, wie sechs Krane und drei Bagger 190 Meter Stahl bewegen können.

Menschen wie Jens Müller erklären, warum dieser Beruf so unglaublich viel Spaß macht.

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Quellen und Gesprächspartner

Interviewpartner und technische Informationen:
Jens Müller
Technischer Außendienst Kran/Bühne/Einbringung
Felbermayr Deutschland GmbH, Niederlassung Schwarzheide

Projektinformationen und Bildmaterial:
Felbermayr Transport- und Hebetechnik

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