Ein Tandemhub ist ein Hebevorgang, bei dem zwei Krane gemeinsam dieselbe Last aufnehmen und bewegen. Er kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn ein Bauteil für einen einzelnen Kran zu schwer, zu lang oder während des Hebens nicht ausreichend kontrollierbar wäre. Typische Beispiele sind Brückenteile, Behälter, Transformatoren, Maschinenkomponenten oder lange Stahlkonstruktionen.
Was auf den ersten Blick wie eine einfache Aufgabenteilung aussieht, gehört zu den anspruchsvolleren Hebevorgängen: Beide Krane sind über die Last miteinander verbunden. Jede Bewegung des einen Krans kann deshalb die Belastung des anderen verändern.
Was geschieht bei einem Tandemhub?
Bei einem Tandemhub wird die Last an mindestens zwei festgelegten Anschlagpunkten aufgenommen. Jeder Kran trägt einen Teil ihres Gewichts. Gemeinsam heben die Krane die Last an, bewegen sie in die vorgesehene Position und setzen sie dort wieder ab.
Dabei können die Krane unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Müssen beispielsweise lange Bauteile aus der Horizontalen aufgerichtet werden, hebt ein Kran den oberen Bereich an, während der zweite Kran das untere Ende führt und kontrolliert. Im weiteren Verlauf kann sich die Lastverteilung erheblich verändern: Der zunächst stärker belastete Kran wird entlastet, während der andere einen größeren Anteil des Gewichts übernimmt.
Ein Tandemhub ist deshalb keine Aneinanderreihung zweier unabhängiger Kranarbeiten. Er ist ein einziger, gemeinsam geplanter Hebevorgang.
Warum verwendet man zwei Krane?
Das Gesamtgewicht einer Last ist nur einer von mehreren Gründen für einen Tandemhub. Häufig spielen ihre Abmessungen und die erforderliche Kontrolle eine ebenso große Rolle.
Zwei Krane können erforderlich sein, wenn
- die Tragfähigkeit eines einzelnen Krans nicht ausreicht,
- die Last sehr lang ist und an mehreren Punkten unterstützt werden muss,
- ein Bauteil angehoben und gleichzeitig gedreht oder aufgerichtet werden soll,
- die Last während des Transports waagerecht gehalten werden muss,
- die Platzverhältnisse den Einsatz eines entsprechend großen Einzelkrans nicht zulassen
- oder die Last gezielt zwischen zwei Positionen beziehungsweise Kransystemen übergeben werden soll.

Ein typisches Einsatzgebiet ist der Brückenbau. Lange Brückenteile werden häufig an beiden Enden angeschlagen und von zwei Mobilkranen gemeinsam aufgenommen. Auch im Anlagenbau und bei der Montage von Windenergieanlagen kommen Tandemhübe vor.
Trägt jeder Kran die Hälfte?
Nicht zwangsläufig. Zwei Krane bedeuten nicht automatisch eine Lastverteilung von 50 zu 50.
Entscheidend sind vor allem der Schwerpunkt der Last und die Lage der Anschlagpunkte. Befindet sich der Schwerpunkt genau mittig zwischen zwei gleich weit entfernten Anschlagpunkten, kann sich rechnerisch eine annähernd gleichmäßige Verteilung ergeben. Liegt er näher an einem der Anschlagpunkte, muss der dort eingesetzte Kran einen größeren Anteil übernehmen.
Ein vereinfachtes Beispiel: Eine 80 Tonnen schwere Last wird von zwei Kranen getragen. Aufgrund der Lage ihres Schwerpunktes entfallen 50 Tonnen auf Kran A und 30 Tonnen auf Kran B. Schon in der Ausgangslage trägt Kran A also deutlich mehr als die Hälfte.
Während des Hebens können sich diese Anteile weiter verschieben. Das geschieht beispielsweise, wenn
- ein Kran schneller hebt oder senkt als der andere,
- sich die Last neigt,
- sich die Ausladung eines Krans verändert,
- ein Bauteil gedreht oder aufgerichtet wird,
- Anschlagmittel unterschiedlich nachgeben,
- der Schwerpunkt nicht genau bekannt ist
- oder Wind beziehungsweise ruckartige Bewegungen zusätzliche Kräfte verursachen.
Die Tragfähigkeiten beider Krane dürfen deshalb nicht einfach addiert und als gemeinsame Tragfähigkeit betrachtet werden. Für jeden Kran muss in jeder vorgesehenen Phase des Hubes geprüft werden, welchen Lastanteil er tatsächlich übernehmen kann.
Die Ausladung verändert die Tragfähigkeit
Ein Kran kann eine bestimmte Last nicht in jeder Stellung gleichermaßen heben. Mit zunehmender Ausladung – also mit wachsendem horizontalem Abstand zwischen der Drehachse des Krans und der Last – nimmt seine verfügbare Tragfähigkeit in der Regel ab.
Beim Tandemhub muss deshalb nicht nur der Lastanteil jedes Krans bekannt sein. Es muss auch geprüft werden, bei welcher Ausladung, Auslegerstellung, Abstützbasis, Ballastierung und Schwenkposition dieser Lastanteil aufgenommen wird.
Das ist besonders wichtig, wenn die Krane während des Hubes schwenken, ihre Ausleger wippen oder teleskopieren. Eine Bewegung, die für Kran A günstig ist, kann bei Kran B die Ausladung und damit das Lastmoment erhöhen. Beide Krane müssen deshalb über den gesamten Bewegungsweg gemeinsam betrachtet werden.
Wie läuft ein Tandemhub ab?
Vor Beginn des Einsatzes wird der vollständige Arbeitsablauf festgelegt. Dazu gehören die Ausgangsposition der Last, ihre vorgesehene Bewegung und die genaue Absetzposition. Auch Zwischenstellungen und mögliche Veränderungen der Lastverteilung müssen berücksichtigt werden.
Anschließend werden beide Krane entsprechend der Einsatzplanung aufgestellt und gerüstet. Der Untergrund muss die auftretenden Kräfte aufnehmen können. Bei Mobilkranen sind insbesondere die Abstützbasis, die Abstützkräfte und die verwendeten Unterlegplatten zu berücksichtigen.
Die Last wird an den vorgesehenen Punkten angeschlagen. Dabei müssen Anschlagmittel, Traversen und Lastaufnahmemittel nicht nur für das Gesamtgewicht, sondern auch für die auftretenden Einzelkräfte und Anschlagwinkel geeignet sein.
Vor dem eigentlichen Hub wird die Last gewöhnlich zunächst vorsichtig aufgenommen. Sobald die Anschlagmittel gespannt sind und die Last leicht entlastet beziehungsweise geringfügig angehoben ist, lässt sich kontrollieren, ob sie wie erwartet hängt, die Lastverteilung plausibel ist und alle Anschlagpunkte richtig belastet werden.
Erst danach beginnt die gemeinsam gesteuerte Hubbewegung. Heben, Senken, Schwenken und gegebenenfalls Teleskopieren müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass keine unzulässigen Kräfte oder Schrägstellungen entstehen.
Einer gibt die Kommandos
Bei einem Tandemhub müssen mehrere Beteiligte eng zusammenarbeiten: mindestens zwei Kranführer, Anschläger und in der Regel ein Aufsichtführender. Hinzukommen können Einweiser, Montagepersonal und weitere Fachleute.
Die DGUV Vorschrift 52 verlangt, dass der Unternehmer den Arbeitsablauf vorab festlegt und der gemeinsame Hub von einem Aufsichtführenden überwacht wird. Ebenso muss eine eindeutige Verständigung sichergestellt sein.
In der Praxis bedeutet das: Die Kommandowege müssen vor dem Hub feststehen. Die Kranführer dürfen nicht gleichzeitig unterschiedliche oder widersprüchliche Anweisungen erhalten. Üblicherweise gibt eine festgelegte Person die Kommandos. Funkverbindungen, Handzeichen und Abbruchsignale werden vor Beginn vereinbart.
Verliert ein Beteiligter die Sicht auf die Last, fällt die Kommunikation aus oder entwickelt sich der Hub anders als geplant, muss die Bewegung kontrolliert gestoppt werden können.
Warum kleine Abweichungen große Folgen haben können
Solange beide Krane synchron arbeiten, bleibt die Last in der vorgesehenen Lage. Hebt einer der Krane jedoch nur geringfügig schneller, kann sich die Last neigen. Dadurch wandert der Schwerpunkt relativ zu den Anschlagpunkten und die Lastanteile verändern sich.
Ein Kran kann auf diese Weise unbemerkt stärker belastet werden als berechnet. Gleichzeitig können Schrägzug, Pendelbewegungen oder seitliche Kräfte auf Ausleger, Hakenflaschen, Anschlagmittel und Anschlagpunkte entstehen.
Auch die Last selbst muss für die Aufnahme an mehreren Punkten geeignet sein. Lange oder vergleichsweise flexible Bauteile können sich durchbiegen oder verdrehen. Bei dünnwandigen Behältern und empfindlichen Konstruktionen besteht zudem die Gefahr, dass örtlich zu hohe Kräfte Schäden verursachen.
Die Planung eines Tandemhubes umfasst daher nicht nur die Krane. Sie muss das gesamte Hebesystem berücksichtigen: Last, Schwerpunkt, Anschlagpunkte, Anschlagmittel, Lastaufnahmemittel, Krane, Untergrund, Bewegungsablauf, Kommunikation und Umgebungsbedingungen.
Müssen beide Krane gleich groß sein?
Nein. Bei einem Tandemhub können zwei unterschiedliche Krane eingesetzt werden. Entscheidend ist, dass jeder Kran für seinen vorgesehenen Lastanteil und für alle während des Hubes auftretenden Arbeitsstellungen ausreichend bemessen und passend ausgerüstet ist.
Unterschiedliche Krane können jedoch verschieden schnell reagieren. Hubwerke, Steuerungen, Seileinscherungen und Auslegerbewegungen müssen deshalb bei der Planung berücksichtigt werden. Auch zwei Krane derselben Tragfähigkeitsklasse verhalten sich nicht zwangsläufig identisch, wenn sie unterschiedlich gerüstet oder eingeschert sind.
Bei manchen modernen Kransystemen können zwei Krane technisch miteinander gekoppelt und ihre Bewegungen synchronisiert werden. Eine solche Steuerung unterstützt die Zusammenarbeit, ersetzt aber weder die Einsatzplanung noch die Überwachung des Hubes.
Tandemhub, Mehrkranhub und Zwillingshub
Der Begriff Tandemhub bezeichnet üblicherweise das gemeinsame Heben einer Last mit zwei Kranen. Werden drei oder mehr Krane eingesetzt, spricht man allgemeiner von einem Mehrkranhub.
Gelegentlich wird auch der Begriff Zwillingshub verwendet. In der Praxis sind die Bezeichnungen jedoch nicht überall einheitlich. Entscheidend ist nicht der verwendete Ausdruck, sondern dass es sich um einen gemeinsamen Hub handelt, bei dem die Krane über dieselbe Last statisch und bewegungstechnisch voneinander abhängig sind.
Die Quintessenz
Bei einem Tandemhub bewegen zwei Krane gemeinsam eine Last. Die Tragfähigkeit beider Krane lässt sich dabei nicht einfach addieren, denn die Lastanteile hängen vom Schwerpunkt, von den Anschlagpunkten und vom jeweiligen Bewegungszustand ab. Schon kleine Abweichungen zwischen den Kranbewegungen können die Kräfte deutlich verschieben. Deshalb müssen Ablauf, Lastverteilung, Kraneinsatz und Kommunikation im Voraus geplant und der Hub von einem Aufsichtführenden überwacht werden.
Verknüpfte Begriffe: Anschläger · Anschlagmittel · Ausladung · Tragfähigkeit · Traglastdiagramm · Lastmoment · Schwerpunkt · Hakenflasche · Einscherung · Abstützbasis
Quellenhinweise: DGUV Vorschrift 52 „Krane“, insbesondere § 33 · Liebherr: Praxisbeispiel eines Tandemhubes im Brückenbau
