Zwei Tassen Keemun gehören zu meinem kleinen Nachmittagsritual.
Zwanzig Minuten Ruhe – und ein Tee, der es einem nicht übelnimmt, wenn man ihn über den eigenen Gedanken kalt werden lässt. | Foto: SFR
Es geht nicht um Wellness, sondern um einen kurzen Moment, in dem der Kopf einmal nichts leisten muss. Denn: Unternehmer sind ziemlich gut darin, jede freie Minute sofort wieder zu vergeben: noch eine Mail, noch ein Telefonat, noch schnell etwas prüfen, eine Entscheidung treffen oder ein Problem lösen.
Und selbst die Pause wird irgendwann optimiert. Meditation für die Konzentration, Sport für die Leistungsfähigkeit, ein Management-Podcast zur persönlichen Weiterentwicklung oder Atemübungen gegen Stress.
Ich mache etwas anderes. Am Nachmittag gibt es zwei Tassen Keemun-Tee. Zwanzig Minuten, manchmal dreißig.
KEIN HANDY.
Kein Blick darauf, keine Nachricht, keine Mail und kein „nur ganz kurz“.
Ich schaue aus dem Fenster und lasse meine Gedanken wandern. Manchmal hole ich mir einen meiner kleinen gedanklichen Anker hervor und gehe im Kopf ein Stück am Meer entlang. Und manchmal daddel ich einfach herum. Privat, versteht sich. Dann schaue ich beispielsweise, was bei den Resellern gerade so an schönen Handtaschen herumsteht.
Das Entscheidende daran ist für mich, dass diese Zeit nicht optimiert ist.
Ich meditiere nicht pflichtbewusst, höre keinen Management-Podcast, arbeite keine Atemtechnik ab und nutze diese zwanzig Minuten auch nicht zur „persönlichen Weiterentwicklung“. Ich trinke eine Tasse Keemun, schaue aus dem Fenster, gehe in Gedanken am Meer entlang oder sehe mir einfach schöne Handtaschen an.
Herrlich unproduktiv.
Und im Ergebnis anschließend: genau deshalb so produktiv. Denn es geht schlicht darum, das eigene Gehirn zwischendurch aus dem Dienst zu nehmen. Diese Zeit muss nichts bringen. Ich muss danach keine bessere Unternehmerin sein, keine brillante Idee entwickelt und kein Problem gelöst haben.
Und trotzdem bin ich anschließend wieder da: klarer im Kopf, ruhiger und mit etwas mehr Abstand zu dem, was vorher noch dringend, riesig oder furchtbar wichtig erschien.
Diese Mini-Auszeit gehört für mich auch unternehmerischen Disziplin: nicht nur zu wissen, wann man funktionieren muss, sondern auch, wann zwanzig Minuten lang keiner etwas von einem bekommt.
Zum Weiterlesen
➜ Wie viel Größe muss man sich leisten können?
➜ Dürfen wir auch mal sagen, was gut läuft?
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