Schwerlast-Transport geht auch anders

Sage ich zu Christian Miß, seines Zeichens Sachbearbeiter Straßenverkehrsbehörde im Fachgebiet Großraum- und Schwertransporte (GST), und geschlagen mit dem berüchtigten Brückenprojekt „Rahmedetalbrücke“: „Es wäre schon toll, wenn Behörden (mehr) Informationen zur Verfügung stellen würden.“ DAS ist auch genau der Wunsch von Christian, denn es würde viel Arbeit, nicht nur bei den Schwerlast- und Kran- Spediteuren, sondern auch bei den anhörenden Behörden ersparen.

Zwei Männer in reflektierenden Jacken stehen auf einer nassen Straße bei Nacht, im Hintergrund ist ein gelber Lkw mit DHL-Logo zu sehen.

Gemeinsame GST-Kontrolle (Verkehrsbehörde Märkischer Kreis, Stadt Lüdenscheid und Polizei): Rechts Herr Plautz von der Verkehrsbehörde Märkischer Kreis, links Christian Miß (Foto: Polizei Märkischer Kreis)

In Lüdenscheid wurde mit der Ablastung der A45 Rahmedetalbrücke in 2018, und der damit verbundenen Vollsperrung in 2021 das Thema real. Und das mit Ansage, denn neben den vielen PKW muss auch die Schwerlast weite Umwege fahren. Hinzu kommt, und dies bundesweit, dass der Windenergieanlagenausbau noch mehr Trafo-Transporte notwendig machen wird. Zu den möglichen Alternativen habe ich Christian um seine Einschätzung gebeten:

Blick auf eine verregnete Straße mit einem Polizeifahrzeug und einem Lkw, umgeben von Verkehrszeichen, darunter Geschwindigkeitsbegrenzung und Durchgangsverkehrshinweise.

GST-Kontrolle bei Lüdenscheid (Foto: Polizei Märkischer Kreis)

Schwerlast-Talente
Große und schwere Lasten werden häufig auf der Straße transportiert. Können diese nicht auch auf dem Wasserweg transportiert werden?

Christian Miß
Oft werden bei GST Strecken genutzt, weil sie funktionieren. Eine kürzere Strecke wird gar nicht erst gesucht.

Schwerlast-Talente
Könnten Behörden dies nicht vorschlagen, oder auch auf Wasserstraße oder Schiene hinweisen?

Christian Miß
Es ist Aufgabe aller Erlaubnis- und Genehmigungsbehörden (EGB), darauf zu achten, dass Schiene oder Wasserweg genutzt werden. Trotzdem wird fast ausschließlich das Thema  „Straße“ angesprochen.

Schwerlast-Talente
Warum eigentlich? Warum werden viele Transporte nicht über den Wasserweg, oder auch via Schiene umgesetzt?

Christian Miß
Genau wegen diesem Themas habe ich auch schon mal mit dem einen oder anderen Kollegen die eine oder andere Diskussion. Denn: Was in z.B. Passau oder Leipzig genehmigungstechnisch durchgewunken wird, manifestiert sich in Lüdenscheid zu einem echten Koloss auf der Straße.

Schwerlast-Talente
Oft werden bei Großraum- und Schwertransporten Strecken genutzt, weil sie funktionieren. Eine kürzere Strecke wird gar nicht erst gesucht. Klar ist: Eine andere Strecke bedeutet für Dispo und Genehmigungsabteilung einen höheren Aufwand. Auch die Überlegung der Verlagerung auf Wasser oder Schiene ist eine Überlegung wert, aber ist sie auch gewollt? Denn zuerst muss ja das eigene Equipment ausgelastet werden. Jedoch haben nur wenige Schwerlast-Spediteure im Fokus – eine Vorreiterrolle hat die KÜBLER-Spedition –dass man eben auch „anders“, also auf der Schiene oder dem Wasser, unterwegs sein könnte.

Christian Miß
Die Frage „Straße-Wasser-Schiene“, die muss vorher gestellt werden. Weit vorher! Der Gedanke ist, dass bereits der Verlader/Versender die Richtung vorgibt. Heißt: Der Spediteur bekommt bei Anfrage direkt den Hinweis der Nutzung auf alternative Verkehrsträger. Damit denkt der Schwerlast-Spediteur bereits im Vorfeld darüber nach, was möglich und sinnvoll ist, und bezieht alle Möglichkeiten in seine Überlegungen ein.

Ein Mann mit Bart und dunklem Haar steht vor einem grünen Container mit dem Schriftzug 'Güter gehören auf die Schiene.' im Hintergrund.

(Foto: Christian Miß)

Zur Information nachfolgend – und das muss man sich bitte auf der Zunge zergehen lassen – einige Zitate aus der VwV StVO, die vor dem Hintergrund der desolaten Straßenverhältnisse durchaus überlegenswert erscheinen im Hinblick auf die Alternative Schiene oder Wasserweg:

Eine Erlaubnis darf nur erteilt werden, wenn der Verkehr nicht – wenigstens zum größten Teil der Strecke – auf der Schiene oder auf dem Wasser möglich ist oder wenn durch einen Verkehr auf dem Schienen- oder Wasserweg unzumutbare Mehrkosten (auch andere als die reinen Transportmehrkosten) entstehen würden und für den gesamten Fahrtweg Straßen zur Verfügung stehen, deren baulicher Zustand durch den Verkehr nicht beeinträchtigt wird und für deren Schutz keine besonderen Maßnahmen erforderlich sind, oder wenn wenigstens die spätere Wiederherstellung der Straßen oder die Durchführung jener Maßnahmen, vor allem aus verkehrlichen Gründen, nicht zu zeitraubend oder zu umfangreich wäre.“

„Haben Absender und Empfänger Gleisanschlüsse, ist die Erteilung einer Erlaubnis nur zulässig, wenn nachgewiesen ist, dass eine Schienenbeförderung nicht möglich oder unzumutbar ist. Von dem Nachweis darf nur in dringenden Fällen abgesehen werden.“

„Die Erlaubnisbehörde hat, wenn es sich um einen Verkehr über einen Fahrtweg von mehr als 250 km handelt, nach Nummer V.4 ein Anhörverfahren vorgeschrieben ist und eine Gesamtbreite von 4,20 m oder eine Gesamthöhe von 4,80 m (jeweils von Fahrzeug und Ladung) nicht überschritten wird, sich vom Antragsteller nachweisen zu lassen, dass eine Schienenbeförderung oder eine gebrochene Beförderung Schiene/Straße nicht möglich ist oder unzumutbare Mehrkosten verursachen würde.“

„Die Erlaubnisbehörde hat, wenn es sich um einen Verkehr über einen Fahrtweg von mehr als 250 km handelt und eine Gesamtbreite von 4,20 m oder eine Gesamthöhe von 4,80 m (jeweils von Fahrzeug und Ladung) oder eine Gesamtmasse von 72 t überschritten wird, sich vom Antragsteller nachweisen zu lassen, dass eine Beförderung auf dem Wasser oder eine gebrochene Beförderung Wasser/Straße nicht möglich ist oder unzumutbare Mehrkosten verursachen würde.“

Blick auf ein Frachtschiff im Wasser vor einem Kai, mit einer Person beim Entladen einer großen blauen Rolle.

Blick von der Kranbahn: Das Schwerlast-Terminal STGE nutzt bereits die Möglichkeit „Wasserweg plus letzter Meter mit dem LKW“ seit der Übernahme von Siewert in Gelsenkirchen. (Foto: Schwerlast-Talente)

Schwerlast-Talente
Du brichst ja unmissverständlich eine Lanze für den Schwerlast-Transport via Schiene. Kübler hat inzwischen einen eigenen Bereich „Schiene“ auf- und ausgebaut, und dies nicht ohne guten Grund….

Christian Miß
Der Charme beim Transport über die Schiene ist, dass bis 100 Tonnen, und bei entsprechender Lademaß-Unterschreitung, der Transport genehmigungsfrei ist. Und: Die Schiene kann – tatsächlich! – mehr, als man denkt. Wenn es z.B. durch einen Tunnel geht, sind die Trafos seitlich verschiebbar. Was die Durchfahrt an Bahnhöfen angeht, da beißt sich die Katze leider in den Schwanz: Einerseits muss eine Bahnsteigkante barrierefrei sein, andererseits hätten die Transformatoren-Hersteller gerne die Trafos auf die Bahn. Funktioniert aber nicht bei der Durchfahrt an herkömmlichen barrierefreien Bahnhöfen.

Hinweis
Im Segment „Schiene“ gibt es nicht nur die Deutsche Bahn AG, da sind inzwischen etliche Player unterwegs. Hier ein Link zu diesen nicht wenigen Playern, nicht uninteressant… KLICKund die Kübler-Spedition ist natürlich mit dabei.

Die andere gute Alternative ist der Wasserweg. Da kommt das Spezialgebiet von Christian Miß ins Spiel. Darüber haben wir uns nämlich kennengelernt. Darüber dann mehr im nächsten Artikel, an dem ich gerade feile.

Schwergewichtstransportzentrum der Kübler Spedition, mit einem Kran über einem Lastkahn und großen, langen Lasten am Ufer.

Das Schwerlast-Zentrum der Kübler Spedition: Wasser-Schiene-Straße. Perfekt! (Foto: Kübler Spedition GmbH)

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