Wer mit ihm spricht, merkt schnell: Ihn beschäftigen nicht nur Richtlinien und Genehmigungen. Ihn beschäftigt die Frage, wer in Zukunft Europas Infrastruktur am Laufen hält.
Das Auffälligste ist nicht sein Lebenslauf
Wer Ton Klijn begegnet, bemerkt zunächst etwas, das in Lebensläufen nicht auftaucht: Er hört zu. Nicht höflich. Nicht nebenbei. Sondern mit einer Aufmerksamkeit, die selten geworden ist. Während andere bereits den nächsten Gesprächspartner im Blick haben, bleibt Ton Klijn bei seinem Gegenüber. Sein Blick wandert nicht durch den Raum. Er hört zu, fragt nach und vermittelt seinem Gesprächspartner etwas, das in einer Branche voller Termine, Projekte und Verantwortung keineswegs selbstverständlich ist: Ich habe verstanden, was Sie sagen möchten.
Diese Eigenschaft erklärt, warum er in der europäischen Schwerlast- und Kranbranche weit über seine offizielle Funktion hinaus geschätzt wird. Denn wer Ton Klijn ausschließlich als Direktor der ESTA betrachtet, übersieht einen wesentlichen Teil seiner Geschichte.
Ton Klijn
→ Seit 1977 in der Branche
→ Mammoet
→ Wagenborg Nedlift
→ Vierzehn Jahre Geschäftsführer von Wagenborg Nedlift
→ Seit 2017 Direktor der ESTA
→ Treiber von ECOL und ETOL
→ Begleiter des Übergangs zu Miguel Flórez de la Colina

Vom Projektgeschäft nach Europa
Ton Klijn gehört zu jener Generation von Schwerlastpraktikern, die die Branche nicht aus Besprechungsräumen kennengelernt haben. Seine berufliche Laufbahn begann bei Mammoet. Später wechselte er zu Wagenborg Nedlift, wo er schließlich vierzehn Jahre lang als Geschäftsführer tätig war. Erst danach folgte der Schritt auf die europäische Verbandsebene.
Diese Reihenfolge ist wichtig. Ton Klijn wurde nicht zum Verbandsvertreter und lernte anschließend die Branche kennen. Er kommt aus der Branche. Die Erfahrungen aus Projekten, Unternehmen und operativer Verantwortung hat er mit auf die europäische Ebene genommen.
Als Praktiker wusste er, wo die Herausforderungen lagen. Welche Hindernisse Unternehmen täglich beschäftigen. Wo Vorschriften helfen und wo sie Prozesse erschweren. Wo Zusammenarbeit funktioniert und wo Europa trotz aller politischen Bemühungen noch immer aus vielen unterschiedlichen Regelwerken besteht. Genau dieses Verständnis prägte seine Arbeit bei der ESTA.
Mehr Einfluss in Brüssel, aber ohne große Worte
Während seiner Zeit als ESTA-Direktor gewann die Organisation an Sichtbarkeit und Bedeutung. Die Mitgliederzahl stieg, und die ESTA wurde in Brüssel zunehmend als Gesprächspartner wahrgenommen. Viele Themen begleiten die Branche seit Jahrzehnten: digitale Genehmigungssysteme, europaweite Schwerlastkorridore, harmonisierte Vorschriften und die Überarbeitung der Gewichte-und-Abmessungen-Richtlinie. Lange klang vieles davon eher nach Wunschliste als nach realistischer Perspektive.
Heute stehen zahlreiche Punkte dieser Forderungen im Zusammenhang mit dem Military-Mobility-Paket und der Überarbeitung der europäischen Regelwerke tatsächlich auf der Agenda. Nicht durch große Worte. Sondern durch Beharrlichkeit.
Themen, die Ton Klijn über Jahre begleitet hat
→ Military Mobility
→ Digitale Genehmigungssysteme
→ Europäische Schwerlastkorridore
→ Überarbeitung der Gewichte-und-Abmessungen-Richtlinie
→ Harmonisierung technischer Regeln
→ ECOL und ETOL
ECOL, ETOL und die SPMT-Operatorenausbildung – worum geht es?
ECOL (European Crane Operators Licence) verfolgt das Ziel, einen europaweit anerkannten Ausbildungsstandard für Kranführer zu schaffen.
ETOL (European Transport Operators Licence) verfolgt einen ähnlichen Ansatz für den Schwertransportbereich.
Hinzu kommt die Ausbildung von SPMT-Operatoren. SPMT (Self-Propelled Modular Transporter) gehören heute zu den wichtigsten Werkzeugen der internationalen Schwerlastlogistik. Die Bedienung dieser Systeme erfordert umfangreiche praktische Erfahrung und spezielles Know-how.
Genau hier entsteht derzeit eine Herausforderung: Viele erfahrene Spezialisten erreichen in den kommenden Jahren das Rentenalter. Die Weitergabe ihres Wissens wird damit zu einer der wichtigsten Aufgaben der Branche.
Wissen weitergeben statt Wissen mitnehmen
Spricht man mit Ton Klijn über die Zukunft der Branche, landet das Gespräch schnell bei den Menschen. Bei Ausbildung. Bei Nachwuchs. Und bei der Frage, wer die Verantwortung übernehmen wird, wenn die heutige Generation von Kranführern, Projektleitern, Transportplanern und SPMT-Spezialisten nach und nach aus dem Berufsleben ausscheidet.
Deshalb liegen ihm Initiativen wie ECOL, ETOL und die Ausbildung von SPMT-Operatoren besonders am Herzen. Nicht wegen der Zertifikate. Nicht wegen der Dokumentation. Sondern weil sie dabei helfen sollen, Wissen weiterzugeben.
Denn Krane bauen sich nicht selbst auf. Schwertransporte organisieren sich nicht von allein. Transformatoren, Brückenteile, Industrieanlagen oder militärische Ausrüstung gelangen nicht durch politische Beschlüsse an ihren Bestimmungsort.
Dafür braucht es Menschen. Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die ihr Handwerk beherrschen. Menschen, die bereit sind, Erfahrung an die nächste Generation weiterzugeben.
Genau hier liegt die Verbindung zwischen Ton Klijns beruflichem Weg und seiner Sicht auf die Zukunft. Wer mehrere Jahrzehnte in der Branche gearbeitet hat, sammelt nicht nur Erfahrungen. Er sammelt Wissen, Kontakte und Zusammenhänge.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel Wissen jemand besitzt. Die entscheidende Frage lautet, ob dieses Wissen weitergegeben wird.

Foto: Paco van Leeuwen Fotografie / Mit freundlicher Genehmigung der ESTA.
Auch deshalb erscheint der bevorstehende Wechsel an der Spitze der ESTA weniger als Bruch denn als Übergang. Miguel Flórez de la Colina wird die Leitung übernehmen. Gleichzeitig bleibt Ton Klijn der Branche erhalten und wird seinen Nachfolger weiterhin unterstützen.
Das passt zu dem Bild, das viele Wegbegleiter von ihm zeichnen: Jemand, der Verantwortung nicht als Besitz versteht, sondern als Aufgabe.
Die eigentliche Frage hinter ECOL und ETOL
Europa diskutiert derzeit über Resilienz, Infrastruktur, Energieversorgung und militärische Mobilität. Doch hinter all diesen Themen verbirgt sich eine deutlich grundlegendere Frage:
Wer wird in zehn oder zwanzig Jahren die Dinge bewegen, die bewegt werden müssen?
Wer transportiert Transformatoren für neue Umspannwerke? Wer bewegt Brückenteile? Wer installiert Windkraftanlagen? Wer sorgt dafür, dass Schwerlastlogistik auch künftig funktioniert? Die Antwort beginnt nicht bei Richtlinien oder Strategiepapieren. Sie beginnt bei den Menschen, die heute ausgebildet werden.
„Krane bauen sich nicht selbst auf.
Schwertransporte organisieren sich nicht von allein.“
Nicht Richtlinien oder Zertifikate stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die Verantwortung übernehmen und ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben.

Foto: Paco van Leeuwen Fotografie / Mit freundlicher Genehmigung der ESTA.
Die Quintessenz
Ton Klijn verlässt die ESTA-Direktion. Die Branche verliert ihn deshalb nicht.
Sie behält einen Praktiker, der die Schwerlast- und Kranwelt über Jahrzehnte aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt hat – vom Projektgeschäft über die Unternehmensführung bis hin zur europäischen Verbandsarbeit.
Sein wichtigster Beitrag besteht nicht darin, Wissen anzusammeln, sondern dafür zu sorgen, dass es weitergegeben wird. Denn die Zukunft der Branche entscheidet sich nicht allein durch Technik oder Regulierung. Sie entscheidet sich durch die Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn ihre Vorgänger den Staffelstab weiterreichen.
Standing Ovations lassen sich übrigens nicht beschließen. Man kann sie nicht organisieren, und auch nicht verordnen. Sie entstehen, wenn Menschen aufstehen, weil sie Danke sagen möchten. Vielleicht erzählt das Titelbild deshalb mehr über Ton Klijn als jede Funktionsbezeichnung.
Zur Autorin
Silvia Florentine Rybka beobachtet seit vielen Jahren die Entwicklungen in der Schwerlast- und Kranbranche. Ihr besonderes Interesse gilt den Menschen, Strukturen und langfristigen Veränderungen hinter den Projekten. Auf Schwerlast-Talente beschäftigt sie sich mit Marktfragen, Infrastruktur, Unternehmensentwicklungen und denjenigen, die dafür sorgen, dass sich große Dinge bewegen.
Bildquellen
Mit freundlicher Genehmigung der ESTA.
Fotos: Paco van Leeuwen Fotografie.
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