Es gibt doch dieses berühmte „Krankind“, den LTM 1650-8.1. Er ist der Nachfolger des LTM 1500-8.1. Dieser war, so LIEBHERR, der „meistverkaufte Großkran aller Zeiten“. Eben diesen Nachfolger setzte der Krandienst Schulz im Projekt des Neubaus der Seebrücke Scharbeutz ein. Neubau heisst, dass anstatt der alten Brücke mit einer Länge von 260 Metern noch einmal 16 Meter dazukamen. Somit kann der geneigte Besucher dieser überaus interessanten Brücke demnächst den Rundumblick auf die Ostsee genießen, aber auch auf Bänken und Liegen dem dolce vita frönen. Wenn das Wetter mitspielt 🙂
Beginn des Projektes war der Februar 2023. Es mussten Pfähle in den Meeresboden gerammt werden, und dann konnte der sog. Oberbau begonnen werden. Geplant ist die Fertigstellung für das 3. Quartal 2024 – wenn alle Faktoren passen: Wetter, Personal + pünktliche Lieferung der Baumaterialien.
Hier kommt nun das Team vom Krandienst Schulz ins Spiel. Deren Auftrag lautete:
Betonfertigteile bis 45 Tonnen Gewicht mussten gehoben werden
Betonfertigteile mit einem Gewicht von bis zu 45 Tonnen mussten im Zuge des Neubaus der Seebrücke Betonfertigteile gehoben resp. montiert werden. Das war nicht ganz so einfach, da die hinteren Betonfertigteile per Schwimmkran montiert werden mussten, die vorderen Teile konnte man von der Landseite aus erreichen.
Das Team vom Krandienst Schulz entwickelte gemeinsam mit deren Auftraggeber Sönke Jordt und dem Bauherrn, der Gemeinde Scharbeutz, eine Machbarkeitsstudie. Denn: Eine Herausforderung stellten die mittleren Betonfertigteile dar, da diese weder von Land, noch aufgrund des zu geringen Tiefganges von der See aus zu erreichen waren.
Damit der Kran immerhin 200 Meter in die Ostsee fahren konnte, musste aus rückverankerten Spundbohlen ein sog. „Fangedamm“ hergestellt werden. Ein Fangedamm, oder auch Fangdamm ist, Zitat aus dem Lexikon der Geowissenschaften:
„Fangdamm, Fangedamm, temporäres Bauwerk zur Umleitung eines Flusses oder zur Einengung des Flußquerschnitts. Im Schutze des Fangdammes können Vorhaben wie z.B. der Bau von Staumauern und -dämmen, Wehr- und Kraftwerksanlagen, Brückenpfeilern und Uferböschungsbefestigungen durchgeführt werden. Fangdämme können als Erddamm, Spundwand, Kasten- oder Zellenfangdamm ausgeführt werden.“
Am Ende des Dammes wurde eine Standfläche gebaut,
die den Stützdrücken des Kranes von 197 to entsprechend ausgelegt war
„Aufgrund der geringen Breite“, so Klaus Schmidt, Geschäftsführer Krandienst Schulz, „kam nur eine Lösung mit unserem Liebherr 700 Tonnen-Liebherr-Kran in Frage. Es war nämlich nur 8,00 m Platz zwischen den Spundbohlen.“
Der Liebherr LTM 1650-8.1 kann den Ballastradius unter Last variabel verändern. Und er kann bei eingeschränkter Abstützbasis, also mit halber Stütze, dem Fahrer in jeder Kranstellung die möglichen Traglasten vorgeben. Die Last konnte somit von vorne, in weiter Auslage, aufgenommen, und nach hinten, in weiter Auslage, abgelegt werden.
Foto: Liebherr
Technische Daten des LTM 1650-8.1
Maximale Traglast: 700 Tonnen
Teleskopausleger: 80 Meter
Maximale Hubhöhe: 152 Meter
Maximale Ausladung: 112 Meter
Anzahl der Achsen: 8
Der LTM 1650-8.1 hat die Möglichkeit der stufenlosen Veränderung des Ballastradius dank eines hydraulischen Schwenkmechanismus. Damit kann auch auf beengten Baustellen gearbeitet werden. Aus dem 8-Zylinder-Diesel-Motor kommen satte 677 PS, die dem Fahrmotor/der Leistung zur Verfügung stehen.
Wieviel Hubraum hat eigentlich so ein 1650-8.1-Motor, bitte?
Beim Schwenken mit Last über die Seite konnte die vom Kran vorgegebene Ausladung eingehalten werden und beim Zurückschwenken ohne Last wurde vom Kran eine Auslage genannt, die aufgrund des Ballastes nicht unterschritten werden durfte (Stichwort „Nach hinten fallen aufgrund des Ballastes“).
„Nachdem der Kraneinsatz in der Theorie geplant war, kamen die Tücken der Praxis“, so leise grinsend Klaus Schmidt. Es mussten zunächst ein statisches Gutachten erstellt, und in regelmäßigen Abständen Probebohrungen und Drucksondierungen zur Festigungsprüfung des Untergrundes vorgenommen werden. Es galt sicherzustellen, dass die hergestellte Fläche nicht durch Unterspülungen oder Überschwemmungen geschwächt war.
Und dann, dann wurde der Seewetterbericht zur ständigen Lektüre der Akteure. Wichtig war der Seewetterbericht nicht nur für die Windprognose bei der Kranarbeit, nein, es galt auch die mögliche Wellenhöhe zu beachten, denn eine Überschwemmung des Damms hätte das NO GO bedeutet.
Nachdem alle Kriterien erfüllt waren, konnte der Kraneinsatz starten
Es war nicht möglich, dass die Ballastfahrzeuge seitlich an den Kran heranfahren konnten, somit musste das Ballastieren mit einem 300 Tonnen-Kran, der – natürlich auch – auf eingeschränkter Abstützbasis stand. Es wurde mit „Variobase“ gearbeitet. „Variobase“ ist eine variable Abstützbasis, es kann jede einzelne Kranabstützung individuell positioniert werden.
Nach dem Rüsten des 700 Tonnen-Krans konnte der „kleine“ 300 Tonnen-Kran vom Fangedamm herunterfahren, damit die Tieflader mit den Betonfertigteilen an den Kran den großen Bruder heranfahren konnten.
Der Rest war dann Geschichte
Das Setzen der Teile verlief, wie geplant, problemlos. Und die Abrüstung des 700-Tonners konnte einige Tage später, ganz unspektakulär, erfolgen.
Sagt Klaus Schmidt: „Da bedanken wir uns ganz herzlich bei unserem Auftraggeber Sönke Jordt, und wir freuen uns jetzt schon darauf, „unsere“ neue Seebrücke in Scharbeutz im Sommer mit einem Gläschen Prosecco mit einzuweihen. Schließlich haben wir da eine richtig gute Arbeit abgeliefert.“
Hinweis für Interessierte:
Es gab Hübe an mehreren Seebrücken rundum Scharbeutz, einer davon war jener in Scharbeutz-Haffkrug. Hier kam ein LTM 1600-6.2 zum Einsatz. Link zum Liebherr-Artikel <KLICK>
Fotos (bis auf das des LTM 1650-8.1): Krandienst Schulz
