Modulare Plattformwagen: Eine kleine Geschichte

(Heavy Haulage History)

Schwerlast, und vor allem die dahinterliegende Technik ist schon mehr als faszinierend. Wir reden von DEN Maschinen, die das schwere Gut bewegen resp. die die schwere Ladung transportieren. Und dies oft auf den sog. „Achslinien“. Die Entwicklungsgeschichte dieser modularen Transporttechnik wurde mir – wieder einmal 😉 – von Michael Bammel nahegebracht. Michael ist, nicht nur, weil er der Entwicklungsingenieur bei GOLDHOFER war, sondern aus Überzeugung, ein GOLDHOFER- Fan. Michael hat mich, wie schon so oft, mit Zahlen, Daten, Fakten und zum Teil atemberaubenden Fotos versorgt. DANKE!

Die wichtigste Technik für diese vielachsigen Fahrzeuge ist der hydraulische Achslastausgleich, der in Verbindung mit einem Hydraulikaggregat gleichzeitig auch die Funktionalität der Höhenverstellung der Ladeplattform bietet. Dies ermöglicht, sozusagen als Nebeneffekt, einen Ladevorgang, völlig ohne den Einsatz von Kranen oder anderen Hebezeugen. Die Frage sei gestattet, weil sie unweigerlich kommt: Wer hat diesen hydraulischen Achslastausgleich denn zuerst eingesetzt?

Das ist dann das Schöne, wenn die Chronistin in diesem Fall Michael hat, der sich in ein solches Thema verbeißt. Es gibt Menschen, die nennen dieses Verbeißen auch „Hobby“, nämlich das der „Historic Haulage“. Und NEIN, die heutigen Hersteller von Achslinien wie Scheuerle, Goldhofer, Nicolas, KAMAG, Cometto und einige weitere, ungenannte, waren nicht die ersten, die einen hydraulischen Achslast-Ausgleich entwickelten.

Atemberaubend, oder?

Aus der Erfindung der Dampfmaschine* in England, am 5. Januar 1769 zum Patent angemeldet, entwickelte sich ein Bedarf an Transportfahrzeugen für schwere Lasten: Stichwort „Industrielle Revolution“.  

Bereits 1929 baute Scammell den berühmten „Scammell 100-Tonner“ und 1929 ließ auch der damals führende Anhänger-Hersteller, Dyson of Liverpool, bei einem befreundeten Unternehmen, CRANE Trailers of Dereham, einen Anhänger mit einer Tragfähigkeit von 110 Tonnen entwickeln. Dieser Anhänger war aus zwei identischen Modulen aufgebaut, besaß eine Allradlenkung und konnte in beide Richtungen mit einer Ladebrücke oder mit der Ladung auf Drehschemeln gefahren werden.

Und eben dieser Hersteller, CRANE of Dereham, entwickelte bereits 1951 für WYNNS Heavy Haulage einen Tieflader mit 2×4 Pendelachsen, die jeweils in zwei Fahrwerken zu zwei Achslinien angeordnet waren. Und dieser Tieflader für eine Nutzlast von 120 Tonnen lieferte gleich mehrere Innovationen (Patent GB-650635):

  1. Einen hydraulischen Achslastausgleich, der über die senkrecht als Federbein angeordneten Hydraulikzylinder jeder einzelnen Pendelachse und entsprechende Ausgleichsleitungen für den gleichen Druck (= gleiche Achslast) in den zugeordneten Zylindern sorgte.
  2. Einen modularen Aufbau, der es ermöglichte, die zwei Fahrwerke mit unterschiedlichsten Ladungsträgern zu benutzen.
  3. Ein Chain-Steering genanntes Lenksystem, das einen sog. Hundegang (Pendelachsen lenken alle im gleichen Winkel, sogar bis zu 90 Grad) ermöglichte.

Auf der Basis des CRANE-Prototyps, der ein Jahr später zum 24-Wheeler (2×3 Achslinien) umgebaut wurde, entstand 1953 ein Tieflader für 200 Tonnen Nutzlast, der an PICKFORDS ausgeliefert wurde. Dieser Tieflader wird heute noch ordentlich gepflegt ,und ist in jedem Jahr auf dem „Great Dorset Steam Fair“ Ende August / Anfang September im Süden von England zu sehen, wo er eine der Attraktionen beim LKW- und Dampflokomobile-Treffen darstellt.

Erst 6 Jahre später, in 1957 konnte man auch in England die ersten Scheuerle Plattform-Wagen der Baureihe „K“ (abgeleitet von der Kurbelachse genannten Konstruktion der Achsaufhängung) im Einsatz sehen. Diese sind sozusagen die Urväter der heutigen modularen Plattform-Wagen. Sie hatten schon eine 15“-Bereifung, allerdings noch Vollgummireifen – wär ja sonst einfach nur noch unbeschreiblich, wenn man dieses Thema zu dieser Zeit auch schon „erschlagen“ hätte –  und den Vorteil der niedrigen Ladeflächenhöhe über den Achsen.

Dieses Konstruktionsprinzip von Scheuerle wurde wenige Jahre später auch von den Marktbegleitern „nachempfunden“, teilweise natürlich verbessert, ist aber bis heute im Kern die unveränderte Basis aller modularen Plattformwagen.

Der Alois…: Einzig Alois Goldhofer hat noch bis Ende der 60er Jahre an dem robusten, mechanischen Achslastausgleich durch Wippensysteme bei seiner Baureihe TPA festgehalten. Als aber die Grenze von 160 Tonnen Nutzlast auf einer 8-Achslinien-Kombination für anstehende Transportprojekte nicht mehr ausreichend war, wurde auch bei den Goldhofers eine Neuentwicklung gestartet, und 1971 sowohl der breitenverstellbare Kesseltransporter vom Typ THPK, als auch 1972 der Plattformwagen THP vorgestellt. Und man kann heute gut sehen, dass der spätere Start einer Neukonstruktion auch Vorteile bringt: Die modularen Plattformwagen vom Typ THP sind auch heute noch die erfolgreichsten Produkte im Goldhofer- Portfolio.

Sieht ja fast so aus, als wäre dieser Blog- Artikel eine Werbe- Veranstaltung für Goldhofer. Nein, ist es natürlich nicht! Goldhofer ist allerdings, ohne dass ich jetzt die Jahresabschlüsse der diversen Achslinien-Hersteller vergleiche, zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung SEHR präsent. Und bis auf einen ordentlichen Ausrutscher vor einiger Zeit sind die Produkte gut.

*Die Dampfmaschin : Ich denke da immer an Professor Bömmel aus der „Feuerzangenbowle“: „Wat ist ene Dampfmaschin? Da stellen mir uns ma janz dumm, dat fällt uns janich schwer.“

Alle Fotos wurden freundlicherweise von Michael Bammel zur Verfügung gestellt.

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