Spelle-Venhaus – klein auf der Karte, stark bei Schwerlast

SLT-Magazin | Hafen Spelle-Venhaus

200.000 Tonnen Stückgut, 30.000 Quadratmeter Lagerfläche und gerade einmal zwölf Mitarbeiter: Das sind nicht unbedingt Zahlen, mit denen ein Binnenhafen auf den ersten Blick für Aufsehen sorgt. Interessanter wird es beim Blick auf die Flächen: schwere Umschlagtechnik, eigene SPMT, ein 500-Tonnen-Mobilkran – und jede Menge Windkraft. Seit rund acht Jahren ist das Schwergutareal im Hafen Spelle verlängerter Arbeitsbereich eines amerikanischen WKA-Herstellers in Salzbergen, und auch für einen deutschen WKA-Hersteller spielt der Hafen Spelle eine wichtige Rolle.


Es gibt Häfen, deren Bedeutung sich schon an ihrer Größe ablesen lässt. Bei Spelle muss man genauer hinsehen.

Rund 200.000 Tonnen Stückgut werden hier jährlich von Gertzen umgeschlagen. Etwa 30.000 Quadratmeter Lagerfläche werden dafür vorgehalten. Zwölf Menschen arbeiten am Standort, zwei im Büro und zehn im gewerblichen Bereich.

Ein großer Raupenkran, ein 500-Tonnen-Mobilkran, schwere Reachstacker und Stapler gehören zum Bild. Hinzu kommen eigene SPMT. Auf den Lagerflächen stehen große Komponenten, bei denen schnell klar wird, dass „Stückgut“ ein ausgesprochen dehnbarer Begriff sein kann.

SLT-Magazin | Hafen Spelle ist trimodal angebunden
Luftaufnahme mit Lagerflächen, Komponenten und Hafenbecken

Seit acht Jahren jeden Abend nach Spelle

Seit rund acht Jahren arbeitet Gertzen in Spelle eng mit dem WKA in Salzbergen zusammen. Ausgangspunkt war eine konkrete logistische Aufgabe: Die Produkte mussten aus Salzbergen in Richtung der Häfen transportiert werden. Gleichzeitig fehlte am Produktionsstandort Lagerfläche. Die Lösung entstand gemeinsam mit der Gemeinde Spelle. Was daraus geworden ist, bezeichnet Christoph Schulte-Sutrum heute als „verlängerten Arbeitsbereich“.

Schulte-Sutrum ist Geschäftsführer der Gertzen Kranlogistik GmbH & Co. KG. Er kommt selbst aus der Transportwelt und ist seit rund 21 Jahren im Unternehmen. Damit betrachtet er den Hafen nicht allein aus Sicht des Umschlags, sondern aus der Perspektive einer Transportkette.

Was in Salzbergen herausgeht, wird nach Spelle gebracht. Ein großer Teil dieser Transporte findet am Abend statt. Im Hafen werden die Komponenten übernommen, bewegt, zwischen- oder längerfristig gelagert und für den nächsten Abschnitt ihrer Reise vorbereitet. Der führt über die Straße oder über das Wasser.

Damit übernimmt der Standort weit mehr als den Wechsel einer Ladung von einem Verkehrsträger auf einen anderen. Er erfüllt Aufgaben, für die am Produktionsstandort Fläche und teilweise auch die entsprechende Technik fehlen.

Schwerlasttechnik, die nicht erst anreisen muss

Genau das macht Spelle aus Sicht der Schwerlastlogistik interessant. Schwere Umschlagtechnik steht am Standort dauerhaft zur Verfügung. Dazu gehört ein 500-Tonnen-Mobilkran. Auch ein Raupenkran ist auf den Bildern des Hafens kaum zu übersehen.

SLT-Magazin | Umschlag mit Mobilkran im Hafen Spelle
Mobilkran beim Umschlag am Binnenschiff

Das ist mehr als eine beeindruckende Aufzählung aus dem Maschinenpark.

Muss ein geeignetes Gerät für einen einzelnen Umschlag erst über größere Entfernung mobilisiert, aufgebaut und anschließend wieder abtransportiert werden, entstehen Kosten, bevor die eigentliche Arbeit begonnen hat. Steht aber die Technik bereits am Hafen, verändert sich die Rechnung. Christoph Schulte-Sutrum sieht darin einen wesentlichen Standortvorteil. Der wirtschaftliche Einzugsbereich reicht nach seiner Einschätzung bis in das östliche Ruhrgebiet. Die Anbindung über den Dortmund-Ems-Kanal spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Bei Schwergut stellt sich deshalb nicht nur die Frage, welcher Hafen am nächsten liegt. Entscheidend ist, welcher Hafen die Schwerlast-Ladung tatsächlich aufnehmen, bewegen, lagern und weiterleiten kann.

Schwerlast bewegen – nicht nur am Kranhaken

Nicht jede schwere Komponente braucht einen Kran. Wo es möglich ist, übernimmt der Reachstacker. Für andere Lasten stehen Mobil- und Raupenkran bereit, für Transporte auf dem Hafengelände eigene SPMT. Abgestellt werden kann auf sogenannten „Elefantenfüßen“.

Die Technik ist das eine. Fläche das andere. Windkraftkomponenten lassen sich schließlich nicht stapeln wie Europaletten. Sie brauchen Platz – beim Eingang, beim Zwischenlagern und für den nächsten Transport.

SLT-Magazin | Umschlag mit einem Gertzen-Mobilkran im Hafen Spelle
Umschlag mit einem 500 to-Mobilkran

Der eine hin – der andere zurück

Inzwischen kommt ein zweiter großer Warenstrom hinzu.

Seit Jahren nutzt ein Industriekunde Spelle als verlängerten Arbeitsbereich und für den Weitertransport großer Komponenten in Richtung Seehafen. Inzwischen kommt aus der Gegenrichtung zusätzliche Projektladung aus der Windenergiebranche hinzu. Aus zwei Warenströmen wird so eine sinnvoll verzahnte Logistik. Schulte-Sutrum spricht von einer Win-Win-Situation für die beteiligten Unternehmen.

SLT-Magazin | Windkraftkomponenten im Hafen Spelle
Luftaufnahme mit Windkraftkomponenten und Lagerflächen



Die Entwicklung verweist auf ein größeres Thema:

Die Seehäfen werden durch die Warenströme der Windenergie stark beansprucht. Große Komponenten benötigen dort erhebliche Flächen und müssen anschließend weiter ins Hinterland transportiert werden.

Damit gewinnen Binnenhäfen eine zusätzliche Funktion. Sie dienen nicht nur als Umschlagpunkt zwischen Wasser und Land, sondern auch als Lagerstandort, Puffer, Bereitstellungsfläche und Schnittstelle zur Industrie.


Fläche ist ebenfalls Infrastruktur

Eine neue Schwerguthalle ist längst geplant, die Genehmigungen liegen vor. Baubeginn sollte 2026 sein. Dann kam ein neuer Großauftrag.

Der läuft zunächst drei Jahre und braucht Fläche. Also wartet die Halle. Auch Hafenplanung muss gelegentlich der Realität Platz machen.

SLT-Magazin | Drohnenaufnahme vom Hafen Spelle-Venhaus
Drohnenaufnahme des Areals des Hafen Spelle-Venhaus

Technische Eckdaten & Standortfaktoren für Planer

ParameterKennzahl / Ausstattung
HafenbetreiberHafen Spelle-Venhaus GmbH
Betreiber SchwergutterminalGertzen Kranlogistik GmbH & Co. KG
WasserstraßeDortmund-Ems-Kanal
Hafen- & Gewerbefläche50 ha Gesamtfläche / ca. 35 ha Gewerbefläche
Kaianlage & Liegeplätze1.400 m Kailänge / 12 Liegeplätze
Wassertiefe / Abladetiefe3,5 m Wassertiefe / 2,7–2,8 m Abladetiefe
AnbindungStraße, Schiene und Dortmund-Ems-Kanal
Schwerguttechnik am Standort500-t-Mobilkran, Raupenkran, Heavy Reachstacker, SPMT, Stützbocksysteme („Elefantenfüße“)

Eine Gemeinde, die Infrastruktur als ihre Aufgabe versteht

In Spelle sind die Rollen klar verteilt: Die Hafengesellschaft kümmert sich um die Infrastruktur, Gertzen um den Umschlag am Schwergutterminal. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde beschreibt Schulte-Sutrum als „ein sehr angenehmes Arbeiten“.

Das Modell hat Charme: Gertzen investiert in Krane, SPMT, Reachstacker und Know-how. Die kommunale Hafengesellschaft sorgt dafür, dass die Infrastruktur dazu passt. Kurze Wege statt langer Abstimmungsschleifen.

Und offenbar funktioniert kommunal auch wirtschaftlich: Die Hafen Spelle-Venhaus GmbH gehört zu 100 Prozent der Gemeinde, agiert aber ausgesprochen wendig und unternehmerisch. Das ist durchaus eigennützig – über den Gewinnabführungsvertrag profitiert am Ende auch das Stadtsäckel.

Quintessenz

Spelle ist kein Riesenhafen. Muss es auch nicht sein. Schwere Umschlagtechnik steht vor Ort, Fläche ist vorhanden und mit den beiden WKA-Herstellern gibt es ordentlich etwas zu bewegen. Wasser und Land funktionieren zusammen. Für Schwerlast zählt am Ende nicht die Größe auf der Hafenkarte, sondern was ein Standort tatsächlich kann.

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Quellen

Gespräch mit Christoph Schulte-Sutrum, Geschäftsführer Gertzen Kranlogistik GmbH & Co. KG, 18. September 2026

Angaben des Hafenbetriebs und von Gertzen zu Umschlag, Lagerflächen, Beschäftigten, technischer Ausstattung und geplanten Investitionen

Bildmaterial: Christoph Schulte-Sutrum / Gertzen

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