Wer auf der IAA am Stand vorbeiflaniert ist und nach dem vertrauten Voith-Logo Ausschau hielt, dürfte sich zunächst gewundert haben. Auf dem Schnittmodell der bewährten VIAB Turbo-Retarder-Kupplung prangte ein neuer Name: Driventic.
Beeindruckt hat mich dort nicht nur die Kompetenz und der Enthusiasmus, den Frank Ziegler, seines Zeichens Project Manager Application Engineering, an den Tag legte. Anhand zweier Modelle erklärte er mir ausgesprochen einprägsam, wie eine solche Turbo-Retarder-Kupplung funktioniert. Beim zweiten Modell durfte ich sogar selbst Hand anlegen und den kleinen Lkw per Kurbel gaaaanz langsam eine ordentliche Steigung hinauffahren lassen.
Eine kleine Lehrstunde par excellence.
Aber irgendwann stellte sich mir eine ganz andere Frage: Warum steht da eigentlich Driventic – und nicht mehr Voith?
Denn die Technik, die dort erklärt wurde, ist nicht irgendeine Neuentwicklung eines unbekannten Unternehmens. Hinter ihr steckt die Nutzfahrzeugtechnik von Voith.
Hat Voith also ausgerechnet einen seiner technologisch interessantesten Bereiche abgegeben?
Die kurze Antwort lautet: Die Technik ist nicht verschwunden, sie ist nur umgezogen. Die lange Antwort ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn ein gutes Geschäft nicht mehr zum Korsett seines Eigentümers passt.
Was ist ein Carve-out?
Bei einem Carve-out wird ein Geschäftsbereich aus einem bestehenden Unternehmen herausgelöst und organisatorisch sowie rechtlich verselbstständigt. Dabei können Mitarbeiter, Verträge, Produktionsstandorte, Technologien, Marken- oder Nutzungsrechte und andere Vermögenswerte auf die neue Gesellschaft übertragen werden.
Das bedeutet nicht automatisch, dass der Bereich wirtschaftlich schlecht dasteht. Gründe können beispielsweise eine stärkere Fokussierung des Mutterkonzerns, unterschiedliche Geschäftsmodelle oder der Wunsch sein, dem ausgegliederten Unternehmen mehr unternehmerische Eigenständigkeit zu geben.
Ein Carve-out kann außerdem die Voraussetzung für einen späteren Verkauf an einen neuen Eigentümer schaffen.
Wenn der Supertanker dem Schnellboot Platz machen muss
Auf den ersten Blick wirkt die Ausgliederung paradox. Warum trennt sich ein Traditionskonzern wie Voith ausgerechnet von der Sparte, die für High-End-Antriebstechnik im Nutzfahrzeugbereich steht?
Ganz einfach: Weil die Welten nicht mehr richtig zusammenpassten.
Voith operiert in weiten Teilen in einer anderen Welt: Papiermaschinen, Wasserkraft, Marine und weitere Industrieanwendungen. Ein großer Teil dieses Geschäfts heißt „Engineered-to-Order“: große, individuell auf den Kunden zugeschnittene Projekte mit entsprechenden Projekt- und Entscheidungsstrukturen.
Das Nutzfahrzeuggeschäft hingegen ist Automotive-Welt: Serienproduktion, straffe Lieferketten, hohe Anforderungen der OEM und ein erheblicher Transformationsdruck in Richtung Elektromobilität.
Der damalige Driventic-CEO Gregor Wiche beschrieb diesen Unterschied nach der Ausgliederung bemerkenswert offen. Rund 90 Prozent des übrigen Voith-Geschäfts seien „engineered to order“. Das Nutzfahrzeuggeschäft dagegen brauche die typischen Strukturen und Prozesse eines Automotive-Zulieferers.
Die Erkenntnis in Heidenheim war daher so trocken wie bemerkenswert: Voith sei langfristig schlicht nicht der beste Eigentümer für diese Sparte.
Das ist ein Satz, bei dem man als Unternehmer durchaus einmal hängenbleiben kann. Denn er bedeutet gerade nicht, dass ein Geschäft schlecht sein muss. Es kann technologisch stark sein, Kunden haben und funktionieren – und trotzdem nicht mehr zur strategischen Ausrichtung und zur Arbeitsweise seines Eigentümers passen.

Der doppelte Spagat der Transformation
Driventic steht nun vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Das Unternehmen muss zwei Welten gleichzeitig bedienen: einerseits das etablierte Geschäft mit mechanischen und hydrodynamischen Systemen wie DIWA, Retarder und VIAB weiterführen und andererseits erheblich in elektrische Antriebssysteme investieren.
Dass man dabei nicht blind jedem Trend hinterherrennt, zeigt das vorübergehende Zurückstellen des schweren elektrischen Antriebssystems VEDS-HD. Als Grund wurde die langsamere Entwicklung des Marktes für schwere batterieelektrische Nutzfahrzeuge genannt. Andere elektrische Anwendungen werden gleichzeitig weiterentwickelt.
Das ist weniger spektakulär als die große Ankündigung einer kompletten Transformation, unternehmerisch aber durchaus interessant: Investiert wird dort, wo ein entsprechender Markt erwartet wird, während die etablierten Produkte weiterhin gebraucht werden.

Was ist eigentlich mit dem Voith-Know-how passiert?
Und damit stellt sich eine entscheidende Frage: Was genau ist bei der Trennung von Voith zu Driventic gewandert?
Eine ganze Menge.
Driventic beschäftigt heute rund 1.400 Mitarbeiter an 26 Standorten in 18 Ländern. Die Fachleute des Nutzfahrzeuggeschäfts sind mitgegangen. Das Know-how auch.
Das ist gerade bei einem Technologieunternehmen entscheidend. Denn Patente und Konstruktionszeichnungen allein entwickeln kein Produkt weiter. Dazu braucht es die Menschen, die wissen, warum etwas so konstruiert wurde, wie es funktioniert, wo seine Grenzen liegen und was der Kunde damit in der Praxis macht.
Das ist nicht nur für die Zukunft von Driventic wichtig. Es ist auch für einen möglichen Käufer von erheblicher Bedeutung. Wer ein Technologieunternehmen übernimmt, kauft eben nicht nur Maschinen, Produkte und Rechte. Er kauft auch Wissen und Erfahrung.
Neben Mitarbeitern, Standorten und Entwicklungskapazitäten wurden nach Angaben des damaligen CEO Gregor Wiche auch wesentliche Intellectual-Property-Rechte des Nutzfahrzeuggeschäfts auf Driventic übertragen.
Was sind Intellectual-Property-Rechte?
Intellectual Property – kurz IP – bezeichnet das geistige Eigentum eines Unternehmens. Dazu können beispielsweise Patente, technische Entwicklungen, Konstruktionsunterlagen, Software, Marken, Designs und geschütztes Know-how gehören.
Gerade bei einem technologiegetriebenen Unternehmen sind diese Rechte von erheblicher Bedeutung. Maschinen und Produktionsanlagen allein machen noch kein Technologieunternehmen. Entscheidend ist auch, wer die entwickelten Lösungen herstellen, weiterentwickeln und wirtschaftlich nutzen darf.
Im Fall Driventic ist deshalb wichtig, dass nach Angaben des damaligen CEO Gregor Wiche die Intellectual-Property-Rechte des ausgegliederten Nutzfahrzeuggeschäfts auf Driventic übertragen wurden.

Der heutige Sachstand: Aufbruch oder Zwischenreich?
Wo steht Driventic also heute?
Der Carve-out war nach den damaligen Aussagen von Gregor Wiche auf eine vollständige Trennung von Voith angelegt. Voith weist Commercial Vehicles in seinen Finanzinformationen bereits als aufgegebenen Geschäftsbereich aus, und nach Wiches Angaben wurde nach einem neuen Eigentümer gesucht.
Gleichzeitig hat sich an der Spitze von Driventic etwas getan. Seit September 2026 führt Christoph Günter das Unternehmen als CEO. Er bringt reichlich Automotive-Erfahrung mit, unter anderem aus Tätigkeiten bei MAN, Knorr-Bremse und zuletzt SAF-Holland.
Ein Verkauf an einen neuen Eigentümer ist nach dem derzeit öffentlich bekannten Stand allerdings noch nicht vollzogen. Driventic gehört weiterhin zu Voith.
Das ist wichtig, denn aus der erklärten Marschrichtung darf journalistisch nicht vorzeitig ein vollendeter Verkauf werden.
Was lernen wir daraus für Markt + Wirtschaft?
Erstens: Eine Ausgliederung ist nicht automatisch ein Krisensignal. Hinter dem Namen Driventic steckt kein verschwundenes Produkt und keine aufgegebene Technologie. Ein Carve-out kann vielmehr bedeuten, dass ein Geschäft andere Strukturen benötigt als der Konzern, aus dem es stammt.
Zweitens: Der Wandel im Nutzfahrzeug- und Schwerlastsektor verlangt einen anspruchsvollen Spagat. Zulieferer müssen etablierte mechanische und hydrodynamische Systeme weiterentwickeln und gleichzeitig erhebliche Mittel in neue elektrische Antriebstechnologien investieren. Wann welcher Markt tatsächlich welche Stückzahlen erreicht, lässt sich dabei nicht am Reißbrett festlegen.
Drittens: Größe allein ist nicht immer ein Vorteil. Ein eigenständiges Unternehmen kann sich organisatorisch stärker auf seinen Markt ausrichten und Entscheidungen an den Anforderungen seiner Kunden orientieren. Ob Driventic diese Möglichkeiten erfolgreich nutzen wird, muss sich zeigen.
Die technische DNA der früheren Voith-Nutzfahrzeuglösungen jedenfalls ist nicht verschwunden. Know-how, Entwicklung und wesentliche Intellectual-Property-Rechte sind mit Driventic weitergezogen.
Der Name auf dem Messestand hat gewechselt. Das Fachwissen dahinter ist geblieben.
Und damit bekommt der neue Name auf dem Schnittmodell der VIAB Turbo-Retarder-Kupplung plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Ich wollte auf der IAA eigentlich nur verstehen, wie diese Technik funktioniert. Am Ende fand ich die Frage, warum plötzlich Driventic daraufsteht, fast genauso interessant.
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