Ein Ingenieur schreibt Geschichte

Historischer Schwertransport im Jahr 1954 – Technikgeschichte, dokumentiert und erklärt von Michael Bammel.
Foto: Archiv Michael Bammel / Heavy Haulage History


Heavy Haulage History – oder warum Schwerlastgeschichte bewahrt werden muss

Vor fast auf den Tag genau fünf Jahren erschien der erste Beitrag der Schwerlast-Talente. Im Hintergrund, als technischer Ansprechpartner, mein Bruder Holger, anerkannter Fachmann in Sachen Schwerlast. Kein Wunder, denn dreißig Jahre Berufserfahrung wischt man nicht einfach so weg. Stattdessen unterstützt man gut und gerne die große Schwester beim Aufbau eines Blogs. Dass daraus einmal das heutige SLT-Magazin entstehen würde, ahnte die große Schwester damals allerdings noch nicht.

Die Schwerlast-Talente entwickelten sich, fanden nach und nach ihre Nische und schenkten mir vor allem eines: Begegnungen mit Menschen, die diese Branche seit Jahrzehnten geprägt haben oder noch immer prägen. Fahrer, Unternehmer, Kranführer, Konstrukteure, Ingenieure – Menschen, deren Geschichten viel zu schade sind, um irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Einer von ihnen war Michael Bammel.

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir das erste Mal miteinander telefonierten. Irgendwann muss es gewesen sein, als ich bei meinen Recherchen auf seine Internetseite Heavy Haulage History stieß. Eine Seite, die schon auf den ersten Blick verriet, dass hier kein Sammler am Werk war, der einfach nur alte Fotos zusammenträgt. Hier schrieb jemand, der wusste, wovon er sprach, einer, der viele der Fahrzeuge nicht nur aus Büchern kannte, sondern an ihrer Entwicklung selbst beteiligt gewesen war.



Michael Bammel gehört zu jener Generation von Ingenieuren, die Schwerlasttechnik nicht nur erlebt, sondern über Jahrzehnte mitentwickelt hat. Nach seinem Maschinenbaustudium führte ihn sein beruflicher Weg zunächst zur KAMAG Transporttechnik nach Ulm. Dort arbeitete er an angetriebenen Schwerlasttransportern für Stahlwerke und Werften, entwickelte Fahrzeuge für die Space-Shuttle-Canister der NASA mit und konstruierte Transporter für außergewöhnliche Einsätze, unter anderem für British Steel. Es war eine Zeit, in der Konstruktionen noch auf Zeichenbrettern entstanden, Berechnungsprogramme häufig selbst geschrieben wurden und Erfahrung oft wichtiger war als jede Software.

Schaut man sich heute die Fotos dieser Fahrzeuge an, kommt man unweigerlich ins Staunen, nicht nur wegen der Lasten, die damals bereits bewegt wurden, sondern auch wegen der Ingenieurskunst, mit der Lösungen gefunden wurden. CAD steckte noch in den Kinderschuhen, digitale Zwillinge oder Simulationen waren Zukunftsmusik, gerechnet wurde mit Fachwissen, Erfahrung und einer gehörigen Portion Vorstellungskraft. Wenn man bedenkt, welche Lasten damals bewegt wurden und mit welch – aus heutiger Sicht – beinahe primitiv wirkenden, tatsächlich aber genialen Mitteln gearbeitet wurde, bleibt eigentlich nur eines: großer Respekt vor dieser Ingenieursgeneration.

1987 wechselte Michael Bammel zu Goldhofer. Dort begann ein Kapitel, das bis heute eng mit seinem Namen verbunden ist. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er den stangenlosen Flugzeugschlepper, eine Konstruktion, die den Betrieb auf Flughäfen weltweit nachhaltig verändern sollte. Fragt man Michael danach, wird man allerdings keinen Satz hören wie: „Den habe ich erfunden.“ Seine Antwort lautet vielmehr: „Den haben mein Team und ich gemeinsam entwickelt.“ Dieser eine Satz verrät wahrscheinlich mehr über seinen Charakter als jede Stellenbeschreibung.


Was ist ein stangenloser Flugzeugschlepper?

Goldhofer - stangenloser Flugzeugschlepper

Während klassische Flugzeugschlepper ein Flugzeug über eine Schleppstange bewegen, nimmt ein stangenloser Flugzeugschlepper das Bugfahrwerk direkt auf. Das Flugzeug wird angehoben und ohne Schleppstange rangiert. Das spart Zeit, erhöht die Sicherheit auf dem Vorfeld und ermöglicht ein deutlich effizienteres Handling großer Verkehrsflugzeuge. Was heute auf vielen internationalen Flughäfen selbstverständlich ist, war Ende der 1980er-Jahre eine ebenso mutige wie wegweisende Entwicklung.


Eigentlich könnte die Geschichte an dieser Stelle enden: ein erfolgreicher Ingenieur, zahlreiche Entwicklungen, ein Fachbuch über die „Schwerlastfahrzeuge von Goldhofer“, ein erfülltes Berufsleben. Doch irgendwann stellte sich Michael eine ganz andere Frage. Es ging nicht mehr allein darum, wie sich das nächste Fahrzeug entwickeln ließ, welche Achslast noch beherrschbar oder welches Lenkungskonzept das bessere war. Ihn beschäftigte zunehmend etwas, worüber erstaunlich wenige nachdenken: Was geschieht eigentlich mit all dem Wissen, wenn diejenigen in den Ruhestand gehen, die diese Fahrzeuge entwickelt haben?

Die Antwort darauf kennen wir leider nur zu gut. Werkzeichnungen verschwinden bei Firmenumzügen, alte Prospekte landen im Altpapier, Fotos verstauben auf Dachböden oder werden beim nächsten Aufräumen entsorgt, Firmenarchive werden aufgelöst, und mit jedem Kollegen, der seinen Schreibtisch zum letzten Mal verlässt, geht auch ein Stück Technikgeschichte verloren. Nicht aus bösem Willen, sondern schlicht deshalb, weil niemand sie rechtzeitig bewahrt hat.

Genau an diesem Punkt beginnt Heavy Haulage History.

Wer Michaels Internetseite besucht, merkt schnell, dass sie mit den heute üblichen Hochglanz-Auftritten wenig gemeinsam hat. Sie möchte nichts verkaufen, keine Klickzahlen erzeugen und niemandem imponieren. Sie ist vielmehr das Werk eines Ingenieurs, der dokumentieren möchte, bevor etwas verloren geht. Über viele Jahre hat Michael Unterlagen, Prospekte, Fotografien und technische Informationen aus aller Welt zusammengetragen, verglichen, eingeordnet und ergänzt. Entstanden ist kein digitales Fotoalbum, sondern ein technisches Archiv, das in dieser Form wohl einzigartig ist.

Heavy Haulage History

Heavy Haulage History dokumentiert die Entwicklung historischer Schwerlastfahrzeuge, Zugmaschinen, Anhänger, Plattformwagen und technischer Komponenten. Michael Bammel sammelt dort nicht einfach nur alte Fotografien, sondern ordnet Konstruktionen ein, erklärt ihre Entstehung und beschreibt die technischen Überlegungen, die hinter ihnen standen.

So entsteht ein Archiv, das zeigt, wie sich der Schwertransport über Jahrzehnte entwickelt hat, welche Lösungen ihrer Zeit voraus waren und auf welchen Ideen viele heutige Fahrzeugkonzepte beruhen.

Zur Internetseite:
www.heavy-haulage-history.de

Dass Michael sein Wissen auch mit den Lesern der Schwerlast-Talente geteilt hat, war für uns ein besonderer Glücksfall. Seine Beiträge zeigen, dass technische Geschichte nicht trocken sein muss und dass man selbst über Sattelkupplungen, modulare Plattformwagen oder einen Schwertransport aus dem Jahr 1954 Geschichten erzählen kann, die den Leser mitnehmen.

Weiterlesen: Michael Bammel bei den Schwerlast-Talenten

Schwertransport im Jahre 1954

Modulare Plattformwagen – eine kleine Geschichte

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Am kommenden Sonntag folgt Teil 2. Dann geht es um Scammell, um weitere Beiträge von Michael für die Schwerlast-Talente und vor allem um seine besondere Fähigkeit, technische Zusammenhänge verständlich zu erklären und für die Nachwelt zu bewahren.

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