Es gibt Brückenbau-Projekte, die sind einfach nur beeindruckend. In Duisburg habe ich den Neubau über den Rhein hautnah erlebt – diese Mischung aus Ingenieurskunst, Logistik und Teamleistung prägt sich ein. In dieselbe Kategorie fällt die Neckartalbrücke bei Horb: eine Extradosed-Brücke, filigran im Erscheinungsbild und doch in der Umsetzung echte Schwerstarbeit. Hier zählt das präzise Zusammenspiel von Menschen, Planung und Maschinen – auf engstem Raum, mit klarer Ruhe und viel Erfahrung.
Info zum Brückenprojekt
→ Länge: ca. 667 m
→ Höhe über Talboden: ca. 65 m
→ Bauart: Extradosed-Brücke
→ Besonderheit: schlanke Bauweise, niedrige Pylone
→ Bauherr: Regierungspräsidium Karlsruhe
→ Zweck: Ortsumfahrung Horb (B 32)
Es gibt Baustellen, bei denen man selbst als erfahrene Beobachterin kurz innehält. Weil die Technik fast lautlos Großes leistet. Weil Menschen auf engstem Raum Hand in Hand arbeiten – konzentriert, ruhig, millimetergenau. So war es auch an der neuen Neckartalbrücke bei Horb, wo die Kolleginnen und Kollegen von Wiesbauer zwei Liebherr-Krane im Zusammenspiel einsetzten, um tonnenschwere Stahlplatten an die Unterseite der neuen Brückenträger zu heben.
Genau diese Arbeiten sind es, die nach purer Kraft aussehen – aber in Wahrheit auf Präzision beruhen.
Brückenprojekt Horb
Die neue Hochbrücke ist Teil der Ortsumfahrung Horb und führt künftig die B 32 über das Neckartal. Rund 667 Meter lang, etwa 65 Meter hoch – ein eindrucksvolles Bauwerk.
Die Ingenieure entschieden sich für eine sogenannte Extradosed-Brücke: eine Mischform aus Spannbeton- und Schrägseilbrücke. Das bedeutet: schlanke Betonstege, vergleichsweise niedrige Pylone, aber enorme Spannweiten. Und: eine Bauweise, die trotz ihrer filigranen Erscheinung höchste Lasten trägt – eine Brücke, die fast leicht wirkt, obwohl sie Schwerstarbeit leistet.
100 Tonnen Stahl unter der Fahrbahn
An der Unterseite der beiden Fahrbahnstege wurden großformatige Stahlbleche montiert. Sie verstärken die Betonträger dort, wo die größten Biegekräfte wirken. Die Bleche wurden nicht einzeln angesetzt, sondern bodenseitig zu langen Segmenten verschweißt – um präzisere Übergänge und weniger Baustellenverzögerungen zu erzielen.

Diese Segmente hatten es in sich: 7 bis 14 Zentimeter dick, bis zu 157 Meter lang – und 70 Tonnen schwer. Inklusive Anschlagmittel und Traversen wogen die Hubelemente dann zwischen 85 und 102 Tonnen. Und all das musste nach oben – 65 Meter über dem Talboden, zentimetergenau, an Positionen, wo kein Millimeter Spielraum blieb. Eine Herausforderung, die nicht nur Technik, sondern Fingerspitzengefühl verlangte.
Das Tandem: LR 1700-1.0 und LTM 1650-8.1
Wiesbauer brachte für diesen Einsatz zwei Schwergewichte der Kranwelt zusammen – beide aus dem Hause Liebherr, beide mit modernster Steuerung und Ballasttechnik.
Raupenkran LR 1700-1.0
- → Tragkraft: bis 700 t
- → Hauptausleger: 132 m + feste Spitze 12 m
- → Ballast: bis 375 t
- → Besonderheiten: VarioTray & V-Frame (Ballastradius stufenlos ca. 13–21 m)
- → Aufgabe: Hauptlastträger im Tal, Ausladung bis 96 m
Mobilkran LTM 1650-8.1
- → Tragkraft: bis 700 t
- → Ballast: 155 t
- → Ausrüstung: 16 m Teleskop-Verlängerung + 38,5 m Wippspitze
- → Aufgabe: Tandempartner des LR, Gegenposition an der Brücke
- → Besonderheit: Aufbau unter Engstellen – zeitweise ~1 m bis zur Störkante
Enge Verhältnisse, klare Planung
Das Neckartal lässt wenig Raum. Nördlich der Fluss, südlich die Bahnlinie – und dazwischen eine Baustelle, auf der zwei 700-Tonnen-Krane präzise arbeiten sollten. Jeder Zentimeter musste passen.

Geplant wurde digital, mit LICCON-Einsatzplaner und CAD-Simulationen. Doch die entscheidende Sicherheit kam aus Erfahrung. Denn trotz aller Software braucht es Menschen, die wissen, wann eine Last „richtig hängt“. Es ist dieser Moment, in dem Teamarbeit und Technik verschmelzen – der ruhige Funkkontakt, das gemeinsame Anheben, die Bewegung im Gleichlauf.
Eine Kran-Alternative war ausgeschlossen
Ein größerer Kran wäre theoretisch möglich gewesen. Doch ein LR 11000 hätte für den nötigen Ballastradius über den Neckar schwenken müssen – unmöglich. Ein noch größerer Mobilkran, etwa der LTM 1750-9.1, hätte wegen der engen Zufahrten gar nicht erst aufgebaut werden können. So blieb die gewählte Kombination die einzig praktikable – und sie funktionierte perfekt.
Ingenieurskunst par excellence
Als das letzte Stahlblech millimetergenau in Position war, herrschte für einen Moment Stille. Nur das leise Nachschwingen der Seile, das Klacken der Bolzen: Das war der Moment, in dem sich zeigte, was Schwerlastarbeit wirklich ist: Nicht nur Kraft, sondern Präzision, Erfahrung, Vertrauen.
Fazit
Die Neckartalbrücke bei Horb ist ein Bauwerk, das ich mit Respekt betrachte. Weil sie zeigt, was möglich wird, wenn Menschen, Maschinen und Planung in Perfektion zusammenarbeiten. Und weil hinter jedem dieser spektakulären Hubeinsätze die Leistung jener steht, die tagtäglich Verantwortung tragen – oft unsichtbar, immer unentbehrlich.

Exkurs: Was ist eine Extradosed-Brücke?
Eine Extradosed-Brücke kombiniert Merkmale von Spannbeton-Balken und Schrägseilbrücken. Kennzeichnend sind niedrige Pylone und flach geneigte Seile. Das Brückendeck (Überbau) ist steifer als bei klassischen Schrägseilbrücken und trägt einen größeren Lastanteil; die Seile wirken – stark vereinfacht – wie externe Vorspannung mit zusätzlicher Tragfunktion. Das Ergebnis: elegante Querschnitte, geringe Durchbiegung und zurückhaltende Turmhöhen – besonders geeignet für mittlere Spannweiten.

Bedeutung im Kontext des Projekts bei Horb
- Der Höhenbereich von ca. 65 m über Talboden bedeutet große Freiräume; sehr hohe Pylone hätten jedoch visuelle oder städtebauliche Vorgaben berühren können.
- Die Bauweise ermöglicht schlanke Pylone, ein filigran wirkendes Bauwerk und zugleich hohe Tragfähigkeit – ideal, wenn große Lasten (z. B. Stahlbleche) montiert werden müssen.
- Die Kombination mit der Schwerlastmontage (Stahlbleche > 100 t, Hebearbeiten in 65 m Höhe) verlangt einen stabilen Überbau und präzise Lastführung – beides unterstützt durch die Extradosed-Konstruktion.
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Alle Fotos: Liebherr
