Zentralisierung der Genehmigungsprozesse: Chancen oder Risiken?

„Wir brauchen regionale Stärke statt zentraler Schwächung“

Die Genehmigungspraxis für Großraum- und Schwertransporte steht seit Jahren in der Kritik. Mit den neuen Regelungen zum 1. Juli 2025 sind erste Verbesserungen in Kraft getreten – doch reichen sie aus? Die Schwerlast-Talente haben Landrat Marko Boos von der Kreisverwaltung Mayen-Koblenz befragt. Seine Behörde zählt zu den wichtigsten Genehmigungsstellen für GST in Rheinland-Pfalz.


Informationen zu Landrat Marko Boos

Landrat Marko Boos (Bildquelle: Kreisverwaltung MYK/Damian Morcinek)

Landrat Marko Boos (SPD, seit 1. Januar 2025)
• Geboren 1975 in Cochem, aufgewachsen in Valwig
• Diplom-Sozialarbeiter, lange im Jugendhilfewesen tätig
• Mitglied der SPD seit 2007, 2024 mit 57,3 % zum Landrat gewählt
• Vater von vier Kindern
• Steht für praxisnahe, regionale Lösungen im Genehmigungswesen: Kompetenzzentren statt Zentralisierung, digitale Verfahren wie VEMAGS & AGNESx, und einen offenen Austausch mit Transportunternehmen


Status quo: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Genehmigungswesen?

Landrat Marko Boos: Großraum- und Schwertransporte (GST) sind ein wichtiges Standbein der deutschen Wirtschaft – insbesondere der Bau- und Produktionswirtschaft, die auf die termingerechte Anlieferung von Maschinen, Komponenten und Materialien angewiesen ist. Auch militärische Transporte machen einen relevanten Teil aus. Aktuell sehe ich die Genehmigungspraxis in Deutschland als hochgradig komplex und reformbedürftig. Ein entscheidender Punkt sind die rechtlichen Rahmenbedingungen: Die Vielzahl an zu beteiligenden Stellen, gekoppelt mit dem Zustand der Straßeninfrastruktur – insbesondere mindertragfähige Bauwerke – führen regelmäßig dazu, dass alternative Streckenführungen gefunden und Antragsverfahren mehrfach angepasst werden müssen. Das verlängert die Bearbeitungszeit erheblich.

Zentralisierung: Welche Chancen und Risiken sehen Sie?

Landrat Marko Boos: Die bundesweite Zentralisierung der GST-Antragsverfahren beurteile ich kritisch – auch und gerade mit Blick auf das aktuell diskutierte Vorhaben in Rheinland-Pfalz. Zwar ist nachvollziehbar, dass kleinere Behörden an ihre personellen Grenzen stoßen, doch die beabsichtigte Zentralisierung würde zulasten der Firmen mit hohem Antragsvolumen gehen. Das wäre nicht nur wirtschaftlich problematisch, sondern auch mit Blick auf die Gleichbehandlung aller Antragsteller kritisch. Hinzu kommt der Widerspruch zum Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung.

Kompetenzzentren: Eine echte Alternative?

Landrat Marko Boos: Ja, eindeutig. Gemeinsam mit den Kreisverwaltungen Bernkastel-Wittlich und Rhein-Hunsrück, mit denen wir bereits bis zu 90 % der landesweiten Anträge abwickeln, planen wir ein IKZ-Projekt. Ziel ist die Einrichtung regionaler Kompetenzzentren mit persönlichem Kontakt zu den Antragstellern und einheitlicher Auslegungspraxis.

Bearbeitungszeiten: Was bringt wirklich Effizienz?

Landrat Marko Boos: Unsere Kreisverwaltung bearbeitet Anträge in der Regel binnen 24 Stunden. Doch die Gesamtverfahrensdauer hängt oft an Rückmeldungen externer Stellen. Ein Ansatz zur Beschleunigung sind sogenannte GST-Korridore mit standardisierten Auflagen. Dazu braucht es aber moderne digitale Karten, die aktuelle Einschränkungen abbilden und mit VEMAGS verknüpft sind.

Digitalisierung: Wie bewerten Sie VEMAGS, AGNES und Co.?

Landrat Marko Boos: VEMAGS® hat die Antragstellung revolutioniert, AGNES und AGNESx ergänzen es sinnvoll. AGNESx ermöglicht z. B. die automatisierte Übertragung von Streckendaten und beschleunigt so die Bearbeitung. Auch der digitale Beifahrer trägt zur Sicherheit und Regelkonformität bei. Wichtig ist: Nur wenn alle Beteiligten – Verwaltung, Unternehmen, Fahrpersonal – gemeinsam an der Weiterentwicklung arbeiten, entsteht echte Digitalisierung.

Zusammenarbeit: Wo hakt es – und was läuft gut?

Landrat Marko Boos: Der Dialog mit den meisten Antragstellern ist offen und konstruktiv. Besonders wichtig ist uns die Praxisnähe – meine Mitarbeiter begleiten Transporte auch vor Ort. Herausforderungen sehen wir bei schlecht erreichbaren Fachbehörden, widersprüchlichen Vorgaben und uneinheitlicher Gebührenfestsetzung.

Persönlicher Blick: Ihr Wunsch für die Zukunft?

Landrat Marko Boos: Mein Wunsch ist ein Genehmigungswesen, das schnell, transparent und rechtssicher funktioniert – in enger Abstimmung mit allen Beteiligten. Nicht durch Zentralisierung, sondern durch moderne Prozesse und regionale Kompetenz.

Foto: Genosk

Fazit: Verantwortung trifft Realität

Landrat Marko Boos zeigt: Es gibt Behörden, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – und dabei praxisnah denken. Seine Kritik an zentralisierten Modellen ist fundiert, seine Lösungsvorschläge konkret. Ob diese Haltung auf politischer Ebene gehört wird, bleibt offen. Klar ist: Die Transportbranche braucht verlässliche Partner. Und solche Stimmen verdienen Gehör – nicht nur in Rheinland-Pfalz.


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