Gespräche auf Augenhöhe entstehen oft dort, wo Hierarchien in den Hintergrund treten. Firmenveranstaltungen bieten dafür einen besonderen Rahmen. | Foto: PURA GmbH – Die Erlebnismanufaktur
Gastbeitrag: Kerstin Gödert
Firmenveranstaltungen ersetzen keine Mitarbeiterbefragung und keine systematische Analyse der Unternehmenskultur. Dennoch machen sie innerhalb weniger Stunden sichtbar, wie Führung, Zugehörigkeit und Wertschätzung im Unternehmen tatsächlich gelebt werden.
Wer wissen möchte, wie ein Unternehmen wirklich tickt, sollte nicht nur sein Leitbild lesen. Ein aufwendig gestaltetes Leitbild kann Werte wie Wertschätzung, Augenhöhe, Zusammenhalt und Familie überzeugend beschreiben. Ob diese Begriffe im betrieblichen Alltag tatsächlich mit Leben gefüllt werden, zeigt sich jedoch häufig an ganz anderen Stellen.
Eine Weihnachtsfeier, ein Sommerfest oder ein Firmenjubiläum kann eine solche Stelle sein.
Unternehmensveranstaltungen verdichten den betrieblichen Alltag auf wenige Stunden. Menschen aus unterschiedlichen Abteilungen, Hierarchieebenen und Tätigkeitsbereichen kommen zusammen. Die üblichen Abläufe verändern sich, formale Rollen treten teilweise in den Hintergrund. Gerade dadurch wird sichtbar, wie Menschen tatsächlich miteinander umgehen.
Wer gehört dazu?
Eine der ersten Fragen lautet: Für wen wird die Veranstaltung organisiert?
Sind alle Beschäftigten gleichermaßen eingeladen? Werden gewerbliche Mitarbeiter, Verwaltung, Auszubildende, Teilzeitkräfte und Führungskräfte als Teil derselben Gemeinschaft behandelt? Oder entstehen bereits bei Einladung, Platzierung und Bewirtung sichtbare Unterschiede?
Nicht jede organisatorische Trennung ist automatisch Ausdruck mangelnder Wertschätzung. Unterschiedliche Aufgaben, externe Gäste oder räumliche Bedingungen können besondere Lösungen erforderlich machen. Entscheidend ist das Gesamtbild: Entsteht der Eindruck einer gemeinsamen Veranstaltung oder gibt es deutlich erkennbare Gruppen erster und zweiter Klasse?
Ob alle dasselbe Essen erhalten oder für einzelne Gäste ein gesondertes Catering vorgesehen ist, mag auf den ersten Blick wie ein nebensächliches Detail wirken. Für die Beschäftigten ist es das häufig nicht. Solche Entscheidungen senden Signale. Sie zeigen, wer als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen wird und wem ein besonderer Status eingeräumt wird.
Wo sitzt die Geschäftsführung?
Auch die Platzierung der Unternehmensleitung sagt viel aus.
Sitzt die Geschäftsführung abgeschirmt an einem eigenen Tisch, umgeben von Geschäftspartnern und ausgewählten Führungskräften? Oder mischt sie sich unter die Belegschaft, wechselt die Gesprächspartner und sucht bewusst den Kontakt zu Menschen, denen sie im Arbeitsalltag selten begegnet?
Auch hier gilt: Ein eigener Tisch ist nicht automatisch ein Beleg für Distanz oder schlechte Führung. Repräsentative Aufgaben und eingeladene Gäste können eine bestimmte Sitzordnung sinnvoll machen. Problematisch wird es dort, wo die räumliche Trennung nur das sichtbar macht, was im Unternehmen ohnehin gelebt wird: oben die Leitung, darunter der Rest.
Eine Firmenveranstaltung bietet der Geschäftsführung die seltene Gelegenheit, Beschäftigte außerhalb der üblichen betrieblichen Rollen kennenzulernen. Wer diese Gelegenheit nutzt, zeigt Interesse. Wer den gesamten Abend ausschließlich im vertrauten Führungskreis verbringt, vermittelt ebenfalls eine Botschaft – unabhängig davon, ob sie beabsichtigt ist.
Wertschätzung zeigt sich in den Einzelheiten
Unternehmenskultur wird nicht allein durch große Gesten sichtbar. Häufig sind es kleine Situationen, die bei den Beschäftigten in Erinnerung bleiben.
Werden langjährige Mitarbeiter namentlich genannt? Werden ihre Namen richtig ausgesprochen? Weiß die Unternehmensleitung, welche Aufgaben diese Menschen über viele Jahre übernommen haben? Werden Erfolge als Leistung einzelner Führungskräfte dargestellt oder als Ergebnis einer Mannschaft?
Eine Ehrung verliert schnell an Wirkung, wenn sie unvorbereitet wirkt oder der Eindruck entsteht, dass die geehrte Person der Führung kaum bekannt ist. Umgekehrt kann eine kurze, persönliche Ansprache mehr Wertschätzung ausdrücken als ein teures Geschenk.
Beschäftigte merken sehr genau, ob eine Würdigung aus echtem Interesse erfolgt oder lediglich einen Programmpunkt erfüllt.
Aus dem SLT-Magazin
Unternehmenskultur entsteht nicht erst beim Sommerfest. Sie wird jeden Tag gelebt.
Wie sich Erfahrung, gegenseitiger Respekt und gelebte Wertschätzung im Arbeitsalltag eines mittelständischen Kranunternehmens zeigen, beschreibt unser Beitrag „Erfahrung ist nur durch Erfahrung zu ersetzen“ am Beispiel von HKV Schmitz + Partner.
Zum Artikel: Erfahrung ist nur durch Erfahrung zu ersetzen
Gute Planung ist ebenfalls eine Form der Anerkennung
Auch die Vorbereitung einer Veranstaltung sagt etwas darüber aus, welchen Stellenwert die Belegschaft besitzt.
Wird frühzeitig geplant, werden Bedürfnisse abgefragt und Besonderheiten berücksichtigt? Oder entsteht die Veranstaltung kurzfristig, weil zum Jahresende noch schnell eine Weihnachtsfeier organisiert werden soll?
Nicht jede kurzfristige Planung ist respektlos. Der betriebliche Alltag lässt sich nicht immer vollständig vorhersehen. Dennoch macht es einen Unterschied, ob eine Veranstaltung bewusst als Teil der Unternehmenskultur verstanden wird oder lediglich als Pflichttermin im Kalender erscheint.
Gute Planung bedeutet nicht automatisch, dass möglichst viel Geld ausgegeben werden muss. Sie zeigt sich vielmehr darin, dass die Veranstaltung zu den Menschen und zum Unternehmen passt. Ein bodenständiger Abend, der aufmerksam vorbereitet wurde, kann glaubwürdiger wirken als eine aufwendige Inszenierung, bei der sich ein großer Teil der Belegschaft nicht wiederfindet.
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Wie gehen die Beschäftigten miteinander um?
Nicht nur die Führungsebene ist auf einer Firmenveranstaltung zu beobachten. Auch der Umgang der Beschäftigten untereinander liefert Hinweise.
Bleiben Abteilungen vollständig unter sich? Werden neue Mitarbeiter einbezogen? Wie gehen erfahrene Kollegen mit Auszubildenden um? Gibt es Menschen, die während des gesamten Abends übersehen werden? Werden Servicekräfte respektvoll behandelt?
Besonders aufschlussreich ist, was geschieht, wenn der offizielle Teil beendet ist. Dann werden betriebliche Beziehungen häufig deutlicher sichtbar als während vorbereiteter Reden und Ehrungen.
Eine einzelne Feier erlaubt dennoch kein abschließendes Urteil über ein Unternehmen. Persönliche Konflikte, ein ungünstiger Veranstaltungsort oder eine misslungene Planung können das Bild verzerren. Wer regelmäßig Firmenveranstaltungen begleitet, erkennt jedoch wiederkehrende Muster. Diese Muster lassen Rückschlüsse darauf zu, ob Werte im Alltag tatsächlich gelebt oder vor allem nach außen kommuniziert werden.
Ein Event ist kein Kulturtest – aber ein Spiegel
Eine Firmenveranstaltung ersetzt weder eine Mitarbeiterbefragung noch Gespräche mit Beschäftigten oder eine fundierte Organisationsanalyse. Sie ist auch kein zuverlässiger Schnelltest, mit dem sich eine Unternehmenskultur innerhalb von drei Stunden vollständig bewerten lässt.
Sie kann jedoch ein Spiegel sein.
In diesem Spiegel werden Hierarchien, Zugehörigkeit und gegenseitiger Respekt sichtbar. Nicht immer deutlich und nicht immer eindeutig, aber häufig klarer, als es den Beteiligten bewusst ist.
Unternehmen sollten ihre Veranstaltungen deshalb nicht allein als Unterhaltung oder Belohnung verstehen. Sie sind auch ein Teil der internen Kommunikation. Jede Entscheidung – von der Einladung über die Sitzordnung bis zur persönlichen Ansprache – vermittelt etwas darüber, wer gesehen wird, wer dazugehört und welche Bedeutung Wertschätzung tatsächlich besitzt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: War es ein gelungener Abend?
Sie lautet auch:
Welches Bild von unserem Unternehmen haben wir an diesem Abend vermittelt?
Zur Autorin
Kerstin Gödert ist geschäftsführende Gesellschafterin von PURA Erlebnis. Mit ihrem Team konzipiert und begleitet sie Firmenveranstaltungen, Business-Events und Markeninszenierungen. Aus dieser Praxis weiß sie, dass sich Unternehmenskultur oft dort zeigt, wo keine Kamera läuft und kein Leitbild an der Wand hängt: im Umgang der Menschen miteinander. Dieser Gastbeitrag basiert auf ihren Erfahrungen aus zahlreichen Unternehmensveranstaltungen.
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