Gittermastausleger in der Praxis: Der Raupenkran arbeitet mit einem langen Gittermastausleger, dessen offene Fachwerkkonstruktion auf dem Foto deutlich zu erkennen ist. Die Bauweise verbindet hohe Tragfähigkeit und Steifigkeit mit vergleichsweise geringem Eigengewicht und ermöglicht große Auslegerlängen. Im Hintergrund der Auslegerkonfiguration ist der Derrickausleger zu erkennen.
Foto: Manfred Haiduk
Ein Gittermastausleger ist ein Ausleger für Krane, dessen tragende Struktur als räumliches Fachwerk aus Gurten und verbindenden Streben aufgebaut ist. Durch diese offene Bauweise lässt sich eine hohe Steifigkeit bei vergleichsweise geringem Eigengewicht erreichen. Gittermastausleger werden deshalb vor allem dort eingesetzt, wo große Auslegerlängen, hohe Tragfähigkeiten oder große Arbeitshöhen erforderlich sind.
Typisch sind sie insbesondere bei Raupenkranen, kommen aber auch bei anderen Kranbauarten und als Bestandteil unterschiedlicher Auslegersysteme zum Einsatz.
Wie ist ein Gittermastausleger aufgebaut?
Anders als ein geschlossener Teleskopausleger besteht der Gittermastausleger nicht aus ineinandergeschobenen Kastenelementen. Seine Tragstruktur wird aus einzelnen Profilen gebildet, die zu einer meist drei- oder viergurtigen Fachwerkkonstruktion verbunden sind.
Die Längsgurte übernehmen einen wesentlichen Teil der auftretenden Kräfte. Diagonal- und Querstreben verbinden die Gurte und stabilisieren die Konstruktion. Dadurch entsteht der charakteristische offene Aufbau.
Bei großen Kranen wird der Ausleger häufig aus mehreren Gittermastsektionen zusammengesetzt. Durch unterschiedliche Kombinationen dieser Sektionen kann die Auslegerlänge an den jeweiligen Einsatz angepasst werden.

Foto: Manfred Haiduk
Warum Gitter statt geschlossener Kasten?
Bei einem langen Ausleger spielt dessen Eigengewicht eine wesentliche Rolle. Denn der Kran muss nicht nur die eigentliche Last tragen, sondern auch die Konstruktion seines Auslegers.
Die Fachwerkbauweise nutzt das Material gezielt dort, wo es für die Kraftübertragung benötigt wird. Daraus ergibt sich ein günstiges Verhältnis zwischen Eigengewicht, Steifigkeit und möglicher Auslegerlänge.
Das ist einer der Gründe, weshalb Gittermastausleger bei Groß- und Raupenkranen besonders verbreitet sind.
Allerdings bringt die Konstruktion auch einen anderen logistischen Aufwand mit sich: Während ein Teleskopausleger seine Länge innerhalb seiner Konstruktion verändern kann, werden lange Gittermastausleger für Transport und Montage in einzelne Sektionen zerlegt. Auf der Baustelle müssen diese anschließend entsprechend der vorgesehenen Krankonfiguration montiert werden.
Praxisbeispiel | Brückenhub in Bottrop
Beim Austausch einer Rohrbrücke über die A42 in Bottrop zeigte sich, wofür große Gittermastausleger in der Praxis eingesetzt werden. Zwei Liebherr LR 11000 von WASEL übernahmen im Bottroper Hafen im Tandemhub jeweils 220 Tonnen schwere und 71 Meter lange Brückensegmente. Die Ausladung betrug dabei bis zu 80 Meter.
Der Einsatz macht anschaulich, wie Auslegerlänge, Tragfähigkeit, Ausladung, Ballastierung und vorbereiteter Untergrund bei einem Schwerlasthub zusammenspielen. Genau diese Faktoren entscheiden darüber, welche Tragfähigkeit ein Gittermastausleger in der jeweiligen Krankonfiguration tatsächlich ermöglicht.
Praxisbericht im SLT-Magazin:
WASEL + LR 11000: Präziser Brückenbau über der A42 in Bottrop
Hauptausleger, Spitze und Derrick – nicht dasselbe
Bei großen Raupenkranen kann eine Auslegerkonfiguration aus mehreren Fachwerkkonstruktionen bestehen, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen, aber unterschiedliche Aufgaben haben.
Der Gittermasthauptausleger bildet den wesentlichen tragenden Ausleger des Krans. Er kann durch weitere Auslegerkomponenten ergänzt werden, beispielsweise durch eine Wippspitze.
Davon zu unterscheiden ist der Derrickausleger. Er befindet sich im rückwärtigen Bereich des Auslegersystems und ist Bestandteil bestimmter Abspann- und Ballastkonfigurationen.
Gerade bei Großkranen ist deshalb nicht jede Fachwerkkonstruktion, die vom Oberwagen ausgeht, automatisch der eigentliche Gittermastausleger.
Länge allein bestimmt nicht die Tragfähigkeit
Ein längerer Gittermastausleger bedeutet nicht automatisch, dass ein Kran eine größere Last heben kann. Entscheidend ist das Zusammenspiel der gesamten Krankonfiguration.
Dazu gehören unter anderem Ausladung, Auslegerlänge und -stellung, Ballastierung, Abstützung beziehungsweise Raupenfahrwerk, Untergrund sowie die konkrete Rüstkonfiguration. Welche Last unter welchen Bedingungen zulässig ist, ergibt sich aus dem jeweiligen Traglastdiagramm des Krans.
Deshalb darf die auf einem Kran angegebene maximale Tragfähigkeit niemals auf beliebige Auslegerlängen oder Ausladungen übertragen werden.
Montage und Betrieb
Gittermastausleger werden je nach Kran und Konfiguration am Boden aus einzelnen Sektionen montiert und anschließend aufgerichtet. Bei großen Raupenkranen können Aufbau und Umrüstung selbst umfangreiche Arbeitsvorgänge darstellen.
Für den sicheren Betrieb sind nicht nur Ausleger und Abspannung entscheidend. Ebenso wichtig sind die vorgesehene Ballastierung, die zulässige Krankonfiguration, die Tragfähigkeit des Untergrundes und die Einhaltung der Herstellervorgaben.
Für die konstruktive Auslegung von Kranen bildet die Normenreihe DIN EN 13001 „Krane – Konstruktion allgemein“ einen wichtigen Rahmen. DIN EN 13001-1 behandelt die allgemeinen Prinzipien und Anforderungen; für Stahltragwerke ist insbesondere DIN EN 13001-3-1 relevant.
Normen und Regelwerke
ISO 4306-1:2026 – Cranes — Vocabulary — Part 1: General
Internationale Terminologienorm für Krane. Sie umfasst unter anderem Begriffe zu Kranarten, Parametern und Kranbauteilen.
DIN EN 13001-1:2015-06 – Krane – Konstruktion allgemein – Teil 1: Allgemeine Prinzipien und Anforderungen
Grundlegende Anforderungen und Prinzipien für die Konstruktion von Kranen.
DIN EN 13001-3-1:2025-07 – Krane – Konstruktion allgemein – Teil 3-1: Grenzzustände und Sicherheitsnachweis von Stahltragwerken
Relevant für die konstruktive Betrachtung der Stahltragwerke von Kranen und damit auch für tragende Auslegerkonstruktionen.
DIN EN 13000 – Krane – Fahrzeugkrane
Behandelt Fahrzeugkrane und unterschiedliche Auslegerbauarten einschließlich Gittermastauslegern.
Abgrenzung: Gittermast oder Gittermastausleger?
Ein Gittermast bezeichnet zunächst die Bauweise einer tragenden Fachwerkkonstruktion.
Ein Gittermastausleger bezeichnet dagegen deren konkrete Funktion am Kran: Es handelt sich um den als Ausleger eingesetzten Gittermast, über den Lasten aufgenommen und mit entsprechender Ausladung positioniert werden.
Kurz gesagt: Gittermast beschreibt vor allem die Konstruktion, Gittermastausleger die Funktion dieser Konstruktion am Kran.
Quintessenz: Der Gittermastausleger verbindet große mögliche Auslegerlängen und hohe Steifigkeit mit einer vergleichsweise leichten, offenen Fachwerkkonstruktion und ist deshalb ein zentrales Bauteil vieler Groß- und Raupenkrane.
Weiterlesen …
Gittermast
Wie die Fachwerkkonstruktion aufgebaut ist und warum sie trotz ihres vergleichsweise geringen Eigengewichts hohe Kräfte aufnehmen kann.
Raupenkran
Warum das Raupenfahrwerk besonders bei großen Kranen und schweren Hüben eingesetzt wird.
Derrickausleger
Welche Aufgabe der rückwärtige Ausleger bei bestimmten Großkran- und Ballastkonfigurationen übernimmt.
Wippspitze
Wie ein zusätzlich beweglicher Ausleger die Arbeitshöhe und den Einsatzbereich eines Krans erweitert.
Traglastdiagramm
Warum Tragfähigkeit, Ausladung und Auslegerkonfiguration immer gemeinsam betrachtet werden müssen.
Quellen
- ISO 4306-1:2026, Cranes — Vocabulary — Part 1: General.
- DIN EN 13001-1:2015-06, Krane – Konstruktion allgemein – Teil 1: Allgemeine Prinzipien und Anforderungen.
- DIN EN 13001-3-1:2025-07, Krane – Konstruktion allgemein – Teil 3-1: Grenzzustände und Sicherheitsnachweis von Stahltragwerken.
- DIN EN 13000, Krane – Fahrzeugkrane.
- Bildmaterial: Manfred Haiduk.
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